Kein Verzicht, keine Gnade

Kein Verzicht, keine Gnade

TRIER. Seit Wochen diskutieren nicht nur Kirchenvertreter und Gläubige über den US-Kinofilm "Die Passion Christi". Die Verbreitung antisemitischer Tendenzen, unnötige Gewaltdarstellungen, und Kommerz-Streben werden Regisseur Mel Gibson vorgeworfen. Doch die Vorwürfe sind nur teilweise haltbar. Denn um religiöse Gefühle tatsächlich verletzen zu können, ist der Film zu inhaltsleer.

Maria Magdalena sieht sinnlich aus mit ihren kosmetisch aufgepolsterten Lippen. Der Teufel hat fiese schwarz-verwachsene Fingernägel. Und Jesus ist selbstverständlich schön. Wer hätte weniger plakative Figuren erwartet in einem Hollywood-Film? Selbst wenn Regisseur Mel Gibson mit dem Anspruch angetreten ist, seinen Film "Die Passion Christi" im quasi "christlich-missionarischen Auftrag" zu drehen. Auch die Szenerie ist kamerawirksam umgesetzt: Jesu Gebet auf dem Ölberg, der Judas-Kuss und die Verhaftung versinken in mystisch blauem Nebel. Die ersten Schläge treffen das Gesicht des Messias' in Zeitlupe. Selbst die späteren Gewaltszenen entbehren nicht einer gewissen Schönheit. Es sei denn, man hat keinen Sinn für die Ästhetik der Gewalt - oder man hat tatsächlich etwas anderes von diesem Mel-Gibson-Film erwartet, als eine Endlosschleife an Brutalität. Denn etwas anderes ist der Jesus-Film nicht: Über eine Stunde lang und in Großaufnahme ist zu sehen, wie Jesus seinen römischen Peinigern ausgesetzt ist. Wie die tumben Soldaten mit lustvoll-hämischem Grinsen aus ihrem Repertoire immer verheerendere Folter-Instrumente auswählen. Einer schlägt, mit sadistischem Grinsen, eine Peitsche mit Widerhaken demonstrativ in einen Holztisch, so dass die Splitter fliegen. Aus dramaturgischer Sicht könnte anschließend darauf verzichtet werden, zu zeigen, welche Spuren die Widerhaken in menschlichem Fleisch hinterlassen. Mel Gibson verzichtet nicht. Im Verzicht auf andere Inhalte der Passionsgeschichte ist Gibson dafür konsequent: Die eigentliche Botschaft der Evangelien, nämlich dass Gott aus Liebe zu den Menschen und zu deren Rettung seinen Sohn opfert, transportiert der Film nur rudimentär. Die sekundenlangen Rückblenden reichen nicht aus, um zu zeigen, wofür Jesus gestorben ist. Ohne Bibelkenntnisse bleibt einem das Zentrum des christlichen Glaubens völlig verschlossen. Selbst die Auferstehung nimmt nur wenige Sekunden ein - ein Missverhältnis zu den vorhergehenden 120 Minuten, die Jesu Leiden im kleinsten blutigen Detail gezeigt haben. Das Ansinnen Gibsons, einen tiefreligiösen Film mit christlich-missionarischem Anspruch zu schaffen, läuft in die Leere. Zu Unrecht trifft den australischen Regisseur allerdings der Vorwurf, mit seinem Film antisemitisches Gedankengut zu fördern. Zwar kommen die Juden schlecht weg als Verurteiler Jesu. Aber: Sie handeln in der Überzeugung, Jesus sei ein "falscher Messias", ein Blasphemist, ein Volksverführer und Gotteslästerer. Sie sind in ihrem tiefen Glauben schmerzlich getroffen. Darauf gründet sich ihre Motivation, Jesus anzuklagen. Der Römer Pontius Pilatus dagegen hat Zweifel an der Schuld Jesu. Aus rein egoistischen Motiven - nämlich aus der Angst vor dem römischen Kaiser - liefert er ihn ans Kreuz. Und die brutalen Römer, die Jesus schon vor der Kreuzigung fast zu Tode geißeln, handeln aus reiner Lust an der Gewalt - und damit aus einem niedereren Motiv heraus als die jüdischen Hohepriester.