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Kein Zwang zur Vollständigkeit

Das Werk von Ludwig van Beethoven, hier auf einem Gemälde im Bonner Beethovenhaus, steht im Zentrum eines Konzertzyklus. Foto: dpa
Das Werk von Ludwig van Beethoven, hier auf einem Gemälde im Bonner Beethovenhaus, steht im Zentrum eines Konzertzyklus. Foto: dpa FOTO: Oliver Berg
Luxemburg. Der Beethoven-Zyklus Mitte April in der Philharmonie ist ein Marathon . Aber jeder Besucher hat die Möglichkeit zu- oder auszusteigen, wo er will. Obwohl Fragen offenbleiben - als Anstoß für eine eingehende Beschäftigung mit dem manchmal bizarren Klassiker ist diese Reihe allemal gut.

Luxemburg. Für Stephan Gehmacher gibt es keine Zweifel: "Dieser Zyklus ist ein Schwerpunkt im Jahresprogramm der Philharmonie." Und der Generaldirektor des Luxemburger Konzerthauses fügt hinzu, dass die Idee ursprünglich von außen kam und das Projekt einiger Vorbereitung bedurfte.
Mitte April ist es nun soweit: In vier Konzerten an vier aufeinander folgenden Tagen spielt das berühmte Amsterdamer Concertgebouw Orchestra unter Ivan Fischer sämtliche Beethoven-Sinfonien.
Wobei die Anordnung pragmatischen Gesichtspunkten folgt und die Chronologie nicht strikt eingehalten wird. So erscheint die berühmte "Fünfte" schon mit den Sinfonien 1 und 2 im ersten Konzert am 13. April. Am 14. April folgen die Sinfonien 3 und 4, die Sinfonien 6 und 7 stehen am 15. April an, und die Sinfonien 8 und 9 erklingen am 16. April. Vor jedem Konzert werden Personen aus Kunst und Wissenschaft erklären, was ihnen Beethoven bedeutet (siehe Extra).
Bei dieser Disposition bleiben allerdings Fragen offen. Warum die "Fünfte" schon im ersten Konzert? Warum keine systematische Gliederung, etwa nach den Werkgruppen der geradzahligen (2,4,6,8) und der ungeradzahligen Sinfonien (1,3,5,7,9), die heben sich ja stilistisch voneinander ab? Geht die Achte nicht sang- und klanglos unter, wenn man sie neben die Neunte stellt? Und überhaupt: Vier Abende mit Beethovens Sinfonik, ist das nicht zu viel an paukenschlagendem Pathos?
Zumindest auf die letzte Frage hat Gehmacher eine eindeutige Antwort: Die Konzertreihe werde in der Öffentlichkeit als einheitlicher Zyklus wahrgenommen, aber niemand müsse alle Konzerte besuchen. Tatsächlich: Bis zum Wochenende hatten nur 128 Besucher alle vier Veranstaltungen gebucht. Und anders als bei den berühmten Liederzyklen von Schubert und Schumann oder auch Wagners "Ring" ist eine Teiloption unproblematisch. Beethovens Sinfonien stehen ganz für sich. Und jede lässt sich ohne Rückgriff auf eine andere verstehen und vielleicht lieben.
Das Concertgebouw Orchestra hat zu Saisonbeginn 2013 in der Philharmonie mit seiner enormen Klangkultur begeistert, es ist nicht gerade ein Spezialensemble für Alte Musik. Auf historische Deutungsversuche wie vor einigen Monaten bei der Neunten mit Ton Koopman muss sich niemand einstellen. Aber Dirigent Ivan Fischer war Schüler von Nicolaus Harnoncourt, beherrscht also die historische Interpretationspraxis. Wie viel er davon auf die Arbeit mit einem Sinfonieorchester überträgt, wird sich zeigen. Die Konzerte sind ausverkauft. Trotzdem lohnt sich laut Gehmacher der Gang zur Abendkasse. "Meist gibt es dort noch Karten." mö
Extra

Der Beethoven-Zyklus in der Luxemburger Philharmonie: 13. April: Sinfonien 1, 2 und 5, 14. April: Sinfonien 3 und 4, 15. April: Sinfonien 6 und 7, 16. April: Sinfonien 8 und 9. Royal Concertgebouw Orchestra, Niederländischer Rundfunkchor, Myrtò Papatanasiu, Sopran, Bernard Fink, Mezzo, Michael Schade, Tenor, Florian Boesch, Bass. Dirigent: Iván Fischer. Backstage-Veranstaltungen: "Beethoven aus heutiger Sicht", vor den Konzerten (jeweils 19 Uhr): 13. April: Table ronde (französisch) mit Jacques Rebotier (Komponist), Monette Vacquin (Psychoanalytikerin), Elisabeth Brisson (Historikerin), Moderation: Hélène Pierrakos (Journalistin, Musikwissenschaftlerin) 14. April: Marc Jeck (Historiker): Zur Beethoven-Rezeption in Luxemburg (deutsch) 15. April: Runder Tisch (deutsch) mit Michael Schade (Sänger), Francois Valentiny, (Architekt), Georg Nussbaumer (Komponist). Moderation: David Eisermann (Journalist, Literaturwissenschaftler) 16. April: Jan Caeyers (Dirigent, Musikwissenschaftler): Beethovens Symphonien als Zyklus (deutsch) mö <%LINK auto="true" href="http://www.philharmonie.lu" class="more" text="www.philharmonie.lu"%>