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Keine Angst vor großen Werken

Keine Angst vor großen Werken

Großer Erfolg für ein ungewöhnliches, durchaus risikoreiches Projekt: Brahms\' "Deutsches Requiem", dargeboten von Instrumentalisten und Chorsängern im Alter zwischen zehn und 20 Jahren, wurde vom Publikum im Trierer Dom begeistert aufgenommen.

Trier. Es gehört schon Mut dazu, ein komplexes Meisterwerk um Tod und Vergänglichkeit, Trost und Erlösung von Jugendlichen aufführen zu lassen. So viel kann misslingen, in den Finessen der musikalischen Details, aber mehr noch in der großen Linie, die das Brahms-Requiem einfordert.
Man sitzt also mit durchaus gemischten Gefühlen im Dom. Zumal nach einem Auftakt mit dem 1. Satz von Mahlers Auferstehungssymphonie, der dokumentiert, dass das Ausloten von Grenzen auch schon mal dazu führen kann, dass man sie erreicht. Da ist das engagierte Landes-Jugend-Symphonie-Orchester Saar (LJO) schlicht überfordert.
Aber schon mit dem Auftakt zum Requiem verfliegen alle Bedenken. "Selig sind, die da Leid tragen, denn sie sollen getröstet werden", flüstern die 120 jungen Chorsänger, um sich Stück für Stück in die sphärischen Klangkuppeln des Domes hinaufzuschwingen. Da gelingen auch die heiklen Passagen, da wechseln Wucht und Innigkeit bruchlos ineinander über.
Die Chorleiter Alexander Lauer (Landesjugendchor Saar) und Thomas Kiefer (Mädchenchor am Trierer Dom und junge Herren der Trierer Domsingknaben) haben gründliche Arbeit geleistet. Wenn der Chor "Freude, ewige Freude" beschwört, korrespondieren die Stimmgruppen ideal, schaffen einen schönen einheitlichen Klang - dass die Tenöre bisweilen etwas angestrengt klingen, tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch.
Schwärmerisches Schwelgen


Gelungen auch die Dialoge mit dem Orchester, die ein harmonisches Bild ergeben. Dirigent Alexander Mayer treibt sein junges Team mit klarer Gestik an, gibt dem schwärmerischen Schwelgen ebenso Raum wie dem kraftvollen Pathos und dem balsamischen Trost. Ein Konzert aus einem Guss, erstaunlich angesichts der jungen Truppe.
Mit dem Bariton Fjölnir Olafsson stellt sich im männlichen Solopart ein außergewöhnliches Talent vor. Selbst gerade einmal 21 Jahre alt, verfügt er über eine in der Höhe klangvolle Stimme lyrischen Zuschnitts, mit präziser Wort-Artikulation und markantem Ausdruck. In der Tiefe fehlt noch etwas die Kraft, aber den Namen des jungen Isländers sollte man sich merken.
Seine kurzfristig eingestiegene Kollegin Hélène Lindqvist gestaltet den Sopranpart souverän, mit einer Stimme, die selbst große Räume füllen kann, aber auch Vokalisen filigran aneinanderreiht wie Perlen auf einer Schnur.
Es geht schon aufs Ende zu, da erreicht das Konzert seinen Höhepunkt. "Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg", ruft der Chor herausfordernd, und der Nachhall in der folgenden Generalpause tönt gefühlt lauter als jede Fanfare. Da ahnt man, was Thomas Kiefer meinte, als er in einem Vorwort von der "außergewöhnlichen Begegnung" gerade junger Musiker mit einem Stoff wie dem Requiem sprach. Kann sein, dass sie tatsächlich mehr über dieses Werk zu erzählen haben als mancher routiniert-perfekte Erwachsenenchor.
Das Konzert wurde in identischer Besetzung in der Kongresshalle Saarbrücken und im Trierer Dom aufgeführt. SR 2 Kulturradio hat die Saarbrücker Produktion aufgezeichnet und sendet sie am 28. November um 20.04 Uhr.