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Keine Musik ist auch keine Lösung

Keine Musik ist auch keine Lösung

Akustikgitarre, Mikrofon, Aufmerksamkeit - mehr braucht\'s manchmal nicht: Beim "M-Pire strikes back"-Festival im Trierer Balkensaal gaben fünf Songwriter Einblicke in ihr Seelenleben - mit Rocky Votolato und Rob Lynch an der Spitze des Programms.

Trier. Irgendwann vor Weihnachten, Songwriter Rob Lynch ist auf Heimatbesuch in der mittelenglischen Ödnis. Er will seine Schwester nach ihrem Clubbesuch abholen. Bei ihr: vier angeschlagene Kleinstadt-Jungs, alle im harmonierenden Weihnachtsoutfit, die Kerzen brennen. Rob Lynch hakt mutig nach: Habt ihr die Klamotten von eurer Oma? Die Antworten landen im Gesicht, ganz oldschool, nonverbal. Ein "Autsch!" mit der Erkenntnis: Man muss manchmal dorthin gehen, wo es wehtut. Schon, um was erlebt zu haben. Dann kann man sich später hinstellen, wo es schön ist. Kann Anekdoten erzählen, sich die Seele aus dem Leib singen. Wie Rob Lynch an diesem Samstagabend beim "M-Pire strikes back"-Festival im Balkensaal, einer Party des Münsteraner Labels Uncle M. Nur einen kleinen Kampf hat Lynch zu führen: Er muss gegen das Gebrabbel der hinteren Reihen ansingen, wie vorher schon Joe McMahon, Sam Russo und das Duo Bad Ideas. Das ist längst nerviger Usus bei Rock- und Pop-Konzerten im 21. Jahrhundert, aber bei ruhigen Auftritten fällt es stärker auf.
Lynch bekommt auch die Redseligen unter den gut 100 Zuschauern halbwegs in den Griff, fast so gut wie danach Rocky Votolato. Der Auftritt des Amerikaners ist der zweite Höhepunkt des Abends. "Ein Festival, bei dem nur Songwriter spielen? Das funktioniert nur in Deutschland", sagt Rocky Votolato, der schon mehrfach in Trier aufgetreten ist. Dass er wiederkommen würde, war keineswegs klar. Über ein Jahr lang hatte der Gitarrist und Sänger aus Seattle keinen Song geschrieben. Er konnte nicht, wollte nicht. Das neue Album soll nun Anfang 2015 erscheinen. Einige Stücke daraus präsentierte Rocky Votolato im Balkensaal - und die Pause hat sich gelohnt: Die Songs gehören zum Besten, was Votolato bisher geschrieben hat. Die Melancholie bekommt man in diesem Leben nicht mehr raus aus seinen Melodien und Augen. Aber egal, dafür lieben ihn die Fans.
Labelchef Mirko Gläser hatte sich in Trier zwar ein paar Zuschauer mehr erhofft ("Dafür hatten wir bei unserem Heimspiel am Freitag in Münster mehr als erwartet"). Eine spätere Neuauflage kann er sich aber durchaus vorstellen. Es gehe nicht ausschließlich um die Musik, auch die richtige Haltung und Unterstützung sei wichtig: So gingen 15 Festival-Freikarten an Flüchtlinge, die in der Trierer Aufnahmeeinrichtung für Asylbegehrende untergebracht sind.
Und Rob Lynch?` Für den 28-Jährigen war es der letzte Auftritt in diesem Jahr. Vor Weihnachten geht\'s dann sicher wieder zur Familie nach Stamford. Aber Fragen zum Outfit der Discogänger dürfte er sich sparen. Manche Erfahrungen brauchen keine Wiederholung. AF