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Keine Scheu vor Dramatik

Konzert : Keine Scheu vor Dramatik im Kurfürstlichen Palais

Nina Karmon und Oliver Triendl begeisterten mit hochdramatischen Interpretationen beim 4. Trierer Kammerkonzert in Trier.

Sie gehen keine Kompromisse ein. Geigerin Nina Karmon und Oliver Triendl am Klavier, sie geben Beethovens Violinsonate op. 30,2 schon mit den ersten Takten eine planvolle und hintergründige Unruhe mit, die sich dann in massiven Klavier-Akkorden entlädt. Und auch nach dem marschartigen Seitenthema klingt sie bei diesen Interpreten, als würde sie sich in ihrer Intensität verrennen. Bis sie dann zu einem großen Ruhepunkt findet. Diese Musik, diese Interpretation sind hochdramatisch von Anfang an. Sogar der As-Dur-Mittelsatz ist nur ein idyllisches Intermezzo vor den großen Läufen von Violine und Klavier, in denen sich alle Klangkonturen auflösen.

Es gibt nichts Harmloses in dieser Interpretation. Bis zum letzten Finale-Takt spannt sich ein großer Bogen atemberaubender Intensität. Freilich klingt das Klavier in der gefährlichen Akustik des Palais-Festsaals nicht geschärft, sondern massiv und dabei allzu dominant. Da drohen im großen dramatischen Strom auch die Nuancen unterzugehen, die Beethoven mitkomponiert hat.

Mag sein, dass sich die Interpreten im 4. Trierer Kammerkonzert erst einmal auf die Palais-Akustik einspielen mussten. Prokofjews Violinsonate op. 94a hatte den Reichtum an Farben, der bei Beethoven noch fehlen mochte. Nina Karmon und Oliver Triendl breiteten aus, was an Prokofjew Musik so fasziniert – die Verbindung zwischen Klassizität und einem ganz eigenen, sehr persönlichen Tonfall. Geigerin und Pianist greifen ineinander wie ein großes Uhrwerk. Nichts kommt angestrengt und verspannt herüber. Immer wieder, auch bei Verdichtungen und virtuosen Höhepunkten, bleibt ein ruhiger Pulsschlag spürbar. Die Interpreten lassen die Musik atmen. Und da entfaltet sich Nina Karmons geigerisches Können, ihr großer und dabei in den Farben sehr charakteristischer Ton, ihre Fähigkeit zu virtuoser Intensität.

Wie klingt in diesem illustren Umfeld Toivo Kuulas Violinsonate op. 1? Es wird von Anfang an erkennbar: Der finnische Komponist ist vor allem ein Meister der kleinen Formen. Seine Sonate teilt sich in sorgfältig ausgearbeitete, liedhafte Sektionen. Aber es bleibt in dieser Sonate nicht bei lyrischen Momenten. Kuula, dem Schüler von Jean Sibelius gelingt es, solche Sektionen so zu gestalten und so zu kombinieren, dass daraus eine Musik mit weitem Atem entsteht. Der lyrische Beginn beispielsweise, das virtuose zweite und das auftrumpfende dritte Thema im Kopfsatz, sie verbinden sich zu einem großen, ausladenden Zug. Abgesehen vom etwas redseligen und stellenweise leerlaufenden Finale löst diese Musik ihren sinfonischen Anspruch ein. Große Gesten und lyrische Intimität kommen zusammen. Toivo Kuula hat eine Komposition geschrieben, die bewegt, die anrührt und in der sich auch etwas Liebevolles verbirgt. – Im Beifall unter den etwa 180 Besuchern klang vor allem eins mit: Sympathie für die Musik und die Interpreten.