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Interview Jutta Richter
„Kinder brauchen Geschichten, die sie stark machen“

Kinderbuchautorin schreibt Bücher seit ihrer Jugend – trotz einer Vier in Deutsch. Demnächst tritt sie beim Eifel-Literatur-Festival auf.

Jutta Richter ist Schriftstellerin „aus Berufung“, als Jugendliche veröffentlichte sie ihr erstes Buch – trotz einer Vier in Deutsch. Heute ist sie erfolgreiche Kinderbuchautorin und weiß, was Kinder lesen wollen. Mit ihrem Buch „Ich bin hier nur das Kind“ kommt sie zum Eifel-Literatur-Festival. Mit Redakteurin Stefanie Braun sprach sie über moderne Kinder, moderne Eltern und ganz altmodische Dinge wie Freiheit und Mut.

Sie sind auf ungewöhnliche Weise zum Schreiben gekommen: Als Schülerin waren Sie ein Jahr in den USA und haben das Schreiben als Mittel gegen Heimweh angefangen, aber auch um Ihre Muttersprache nicht zu verlernen. War die Angst denn begründet?

JUTTA RICHTER Die war sehr begründet. Es kommt immer drauf an, in welchem Alter man ein Jahr weg ist. Mit 15 ist es prägender als mit 35. Ich habe nach drei Monaten angefangen, in Englisch zu träumen; und als ich wieder zu Hause war, hatte ich einen Akzent, den ich nur schwer wieder losgeworden bin.

Als Sie zurückgekommen sind, hatten Sie in Deutsch eine Vier, aber Ihr Buch wurde direkt veröffentlicht – Eine Vier in Deutsch ist ja eigentlich kein guter Start für eine Karriere als Schriftstellerin oder hat sich der Lehrer da geirrt?

RICHTER Es kommt immer darauf an, welche Inhalte maßgeblich sind bei der Benotung. Eine Deutschnote hat, glaube ich, wenig mit dem Beruf Schriftsteller zu tun. Kinder, die in Deutsch eine Eins haben, haben nicht unbedingt die Voraussetzungen, um aus dem Schreiben ein Leben zu machen.

Was ist denn die Voraussetzung dafür?

RICHTER Völlig talentfrei darf man nicht sein. Man sollte neugierig sein, gut beobachten können und einen sehr großen Wortschatz haben, den erwirbt man durch intensives Lesen.  Ich war eine  wahnsinnig fleißige, ambitionierte, neugierige Leserin. Ich habe Bücher verschlungen, das waren teilweise Offenbarungen.

Sie schreiben Kinderbücher - Was für Geschichten brauchen Kinder denn, gerade die modernen Kinder?

RICHTER Ich denke, Kinder brauchen Geschichten, die sie stark machen und sie ernst nehmen. Geschichten, die ihnen Möglichkeiten zeigen, die Alternativen bieten können, auch zur „Wirklichkeit“ des Werbefernsehens und der Werbefirmen.

Provokant gefragt: Hören Sie ab und an, dass Sie auch eine „richtige Schriftstellerin“ hätten werden können? Es gibt ja immer wieder Leute, die denken, Kinderliteratur ist seichte Literatur.

RICHTER In Teilen ist Kinderliteratur ja auch seichte Literatur. Ich selber habe das Problem nie gehabt, weil ich Bücher über Kindheit schreibe, dabei aber keinen pädagogischen Zeigefinger erhebe. Ich schreibe eigentlich über das Kind, was ich bin. Und da ich das ernst nehme, merken die Leser, dass sie ernst genommen werden und nehmen das im Gegenzug auch ernst. Es gibt allerdings Trends in der Kinderliteratur, mit denen man gutes Geld verdienen kann. Das sind Bücher, bei denen diese Abwertung zutrifft, weil es Geschichten sind, die sich selbst abwerten. Maxim Gorki hat mal gesagt: „Für Kinder muss man schreiben wie für Erwachsene, nur besser“, diesen Satz sehe ich als meine Maxime über all meinem Tun.

Mit Ihrem Buch „Ich bin hier nur das Kind“ kommen Sie zum Eifel-Literatur-Festival in unsere Region: Da wird von Erst- und Zweitpapas gesprochen, das Handy gezückt, um Kätzchen zu fotografieren – sehen Sie Unterschiede in einer früheren und einer heutigen Kindheit?

RICHTER Ja, unbedingt. Auch auf die Gefahr gestrig zu klingen, wollte ich heute kein Kind mehr sein. Als Kind war ich nicht so verplant, die heutige Kindheit ist es dafür sehr. Das ist kein absichtsloses Kindsein mehr, da ist keine Freiheit mehr, kein Abenteuer. Und wenn,  haben sich die Abenteuer nach innen verlegt, in Computerspiele, in Filme, Serien. Die wirkliche Welt draußen ist Kindern nicht mehr gestattet zu entdecken. Damit meine ich auch das Trödeln auf dem Schulweg, das Zu-Fuß-irgendwohin-Gehen, das nachmittägliche Draußensein, sich mit anderen verabreden und wenn die Laternen angehen, wieder reinkommen, ohne dass irgendwelche Eltern oder sonstige Leute wissen, was man tut und wo man ist. Und nur wer Wege kennt, kann auch Auswege finden. All diese Dinge sind verloren gegangen. Obwohl es heute eine gewisse Sättigung gibt und Wunscherfüllungsmaschinen rund um die Uhr arbeiten, empfinde ich diese Kindheit als arm. Arm an Freiheit.

Zum Abschluss eines jeden  Kapitels schrieben Sie „Ich bin hier nur das Kind“, es ist von „Kinderpolizei“ die Rede und von Stoppwörtern unsensibler Schulpsychologen. Machen wir selbst die Kinder heute hilflos, indem wir versuchen, alles im Vorab zu regeln?

RICHTER Ja, unbedingt. Wir machen Kinder weltfremd im wörtlichen Sinne. Wir erschließen ihnen ja nicht mehr die Welt, sondern wir verhindern, dass sie sie kennenlernen.

Gibt’s da noch mal einen Ausweg?

RICHTER Der Ausweg ist, den Mut zu haben, die Leinen länger und lockerer zu lassen, nicht auf jede Meldung zu hören, die von schrecklichen Dingen berichtet; diese schrecklichen Dinge sind auch schon anderen Kindern zu anderen Zeiten passiert.

Was glauben Sie, würde ein heutiges Kind, wenn es erwachsen ist, in der Rückschau sagen, was für die eigene Kindheit schön gewesen wäre?

RICHTER Schön für die eigene Kindheit ist, wenn man stark gemacht wird. Und stark machen bedeutet, loslassen und dem Kind Dinge zutrauen. Ich glaube, Kinder, denen Dinge zugetraut worden sind, haben eine glückliche Kindheit.

Interview: Stefanie Braun