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Kindergeburtstag mit Kickboxer

Kindergeburtstag mit Kickboxer

TRIER. Nur wenige deutsche Künstler polarisieren so stark wie Rapper Bushido. Der Berliner gastierte zum Tour-Abschluss vor rund 2000 Zuschauern in Trier. Der TV schreibt aus drei Sichtweisen über das Konzert – es handelt sich um fiktive Personen, die Hintergründe sind aber durchaus real.

Maximilian, 16 Jahre, eingefleischter Fan. Baggy-Hose, Adidas-Jacke überm Bushido-Shirt. "Trier, ich habe eine Frage. Schafft ihr es von der Stimmung her in unsere ,Top Drei'?", fragst du. Ja, Alter, wir schaffen das! Ich schreie mir die Lunge raus. Wir packen es heute unter die besten Konzerte der Tour. Wir sind besser als Kassel oder Zürich. Hammergeiles Konzert, voll fetter Sound und super Stimmung. Vergiss die ganzen Weicheier und deine Gegner. "Es sind mehr Leute cool mit uns als gegen uns." Recht hast du. Komm, noch eine Zugabe, "Blaues Licht". Oh fuck, da hinten kommt meine Mutter. Kann die nicht warten? Thomas, 30 Jahre alt, dienstlich im Einsatz. Kennt nur ein, zwei Lieder - und die Diskussionen. "Trier, ich habe eine Frage." Wie oft hast du diesen Satz jetzt schon wiederholt - zehnmal, 20-mal? Ich bin nicht Trier, Bushido. Wir sind auch nicht Deutschland. Das Publikum hast du aber im Griff. Hast den "Echo" 2006 als bester nationaler Live-Act also nicht umsonst bekommen. Ordentliche Show. Was daran gefährlich sein soll, weiß ich nicht. Wohl die Texte. Aber die versteht man beim Konzert ohnehin kaum. Hier mal "Arschgeige", dort mal "schwul". Straßenlyrik des 21. Jahrhunderts. Mit anstößigen Texten. Gibt es schon seit Jahren bei US-amerikanischen Gangsta-Rappern. Bei dir stören sich die Leute daran, weil du übers Überleben in Berlin schreibst, der "Rapper, der im Knast war". Texte, die man cool finden kann oder gefährlich. Vielleicht ist es auch Doofheit in dicker Hose, mit dicker Karre. In der Knast-Bibliothek steht Rilke eben nicht ganz oben in den Ausleih-Charts. Dass du Staatsfeind Nummer eins in der BRD bist, rappst du. Ich schätze, knapp vor Ronald McDonald. Zumindest das Konzert in Trier ist friedlicher als so mancher Kindergeburtstag. Kindergeburtstag mit Kickboxer, sozusagen. Die Einsatzkräfte haben nichts zu tun. Keine wilden Pogereien wie beim Metal-Konzert. Keine 130-Dezibel-Kreischsägen. Nicht halb so ohrenbetäubend wie bei Tokio Hotel. Mit "Betäuben" ist ohnehin nichts, dein Konzert ist von der Preispolitik her - nett gesagt - fast jugendfreundlich: Da kostet das kleine Bier theoretisch 3,50 Euro. Praktisch fünf Euro. Weil man einen Fünf-Euro-Bon kaufen muss, aber kein Restgeld erstattet bekommt. Du beschwerst dich darüber, dass zwei geplante Konzerte in Trier abgesagt wurden. Auch diesmal war der Auftritt umstritten: Politisch unkorrekt sorgt immer noch bestens für Wallung. Und schlechte Publicity gibt es bekanntlich nicht. "Trier, ich habe eine Frage"

Elli, 45 Jahre, Mutter von Maximilian, hört sich das Konzert aus der hinteren Reihe an. Sie hat mit ihrem Sohn über Bushido diskutiert. Fazit: Ist ja nur eine Show. Wenn auch mit Beigeschmack. "Trier, ich habe eine Frage." Herr Bushido, jetzt habe ich langsam eine Frage: Kommt jetzt noch eine Zugabe? Fast zwei Stunden spielen Sie schon. Immer das Bass-Brummen. Immer der Sprechgesang, den man kaum versteht. Das Publikum, das die Arme im Takt auf und ab bewegt. Habe ich nun alles gesehen. Und mein Sohn Max auch. Jetzt wurde ich schon vom Volksfreund angesprochen, was ich von Ihrer Musik halte. Als wäre ich freiwillig hier. Die Texte passen mir nicht. Wie Sie Frauen als "Nutten" bezeichnen und jeden, der Ihnen nicht passt, als "Schwuchtel". Aber die eine Ansage hat mir gefallen: "Ich bin seit fünf Wochen auf Tour, war also seit fünf Wochen nicht mehr in Berlin - und habe so lange meine Mama nicht mehr gesehen." Sind doch ein guter Junge, manchmal. Vielleicht ist alles nur Show. So lange Max nicht so redet, wie Sie rappen, sehe ich darüber hinweg. Trier ist ja nicht Berlin. Gott sei Dank.