Kindergeschichte(n)

Tante Alma ist vornehm. Mama sagt sogar, sie trüge die Nase hoch.

Diese bemalte Stofftapete aus der Frankfurter Manufaktur Nothnagel kann man im Schloss Malberg bewundern. TV-Foto: Eva-Maria Reuther.

Was Max nicht weiter wundert. Schließlich ist Tante Alma einen Kopf größer als Mama. Am Sonntag soll Max mit Mama Tante Almas neu tapeziertes Wohnzimmer angucken. "Ihr müsst unbedingt meine neue Wandbekleidung sehen", hatte Tante Alma am Telefon gesagt. Und Max konnte sich richtig gut vorstellen, wie sie dabei die Nase hoch hielt. "Typisch Alma", hatte Mama gesagt, als sie aufgelegt hatte, "Wandbekleidung! Das ist auf die Wand geklebtes Papier. Das war schon immer so." Da allerdings irrt Mama. Und der Begriff "Wandbekleidung" ist so falsch auch nicht. Die Vorgänger unserer Tapeten waren nämlich riesige Wandbehänge. Nackte, kalte Wände wollten die Leute schon vor vielen Hundert Jahren nicht haben. Deshalb hängten sie geknüpfte, gewebte oder in anderen Techniken hergestellte Behänge an die Wand. Da die sehr teuer waren, konnten sich das nur reiche, meistens adelige Leute leisten. Aber auch die hatten nur wenige solcher Wandbehänge. Wenn ihre Besitzer im Winter vom Land in die Stadt zogen oder im Herbst in ihr Jagdschloss, wurden die "Wandkleider" abgenommen, eingepackt und im anderen Haus wieder aufgehängt. Statt der extrem teuren gewebten Wandbehänge gab es bald auch billigere Stoffbehänge zu kaufen, die bemalt waren. Sehr früh gab es auch Tapeten aus Leder. Auch die kosteten viel Geld. Schon vor 500 Jahren versuchte man deshalb, Papiertapeten herzustellen. Am Anfang wurden sie bemalt, später per Hand mit Mustern bedruckt. Dazu nahm man Holzmodel, die so ähnlich funktionierten wie die ausgeschnittenen Kartoffeln beim Kartoffeldruck. Das war eine mühsame Arbeit. Der Druck auf den kleinen Bogen war unregelmäßig. Oft verknitterten Muster und Papier beim Zusammenkleben. Das änderte sich erst vor 200 Jahren, als man endlich große Papierrollen herstellen konnte, die maschinell bedruckt wurden. Schon immer waren die Tapetenmuster etwas ganz Wichtiges. Die Tapetenhersteller beschäftigten deshalb eine ganze Mannschaft an Malern, die solche Muster entwerfen mussten und sich Bilder für Landschaftstapeten einfallen ließen. Sie sind übrigens die Vorläufer heutiger Fototapeten. Auch ein ganz berühmter Dichter hat sich für die Herstellung von Tapeten interessiert. Sein ganzes Leben lang blieb er pingelig, wenn er neue Tapeten aussuchte: Johann Wolfgang von Goethe. Was er als Kind in der Tapetenmanufaktur ( eine Art Fabrik) der Firma Nothnagel in seiner Heimatstadt Frankfurt erlebte, erzählt er in seinen Erinnerungen "Dichtung und Wahrheit". Tapeten von Nothnagel gibt es noch im Schloss Malberg. Eva-Maria Reuther

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