Kindergeschichte(n)

Tante Ida ist vornehm. Sie hat nämlich einen Salon.

Auf den ist sie ganz stolz. Max darf sich nur ganz vorsichtig auf das gelbe Sofa setzen, damit ja nichts schmutzig wird. Mama findet das übertrieben: "Eigentlich ist das ein ganz normales Wohnzimmer", erklärt sie. "Salon klingt aber cooler", findet Max. Und dann fällt ihm noch etwas ein: "Was hat denn Tante Idas Salon mit dem Salon von Frisör Müller zu tun?" Viel, denn in beiden Fällen werden mit dem Wort Salon, Räume bezeichnet, in denen Leute empfangen werden. Bei Tante Ida ist es ihr Besuch. Beim Frisör sind es die Kunden. Das französische Wort Salon wird seit gut 300 Jahren benutzt. Von Anfang an war der Salon ein Empfangszimmer. Dazu muss man wissen, dass es bis vor 200 Jahren gar keine Wohnzimmer gab, wie wir sie kennen. In ärmeren Familien spielte sich meist alles in einem Raum ab: essen, arbeiten, schlafen. Wohlhabende Familien hatten dagegen eigene Damen- und Herrenzimmer, Kinder- und Schlafzimmer und eben den Salon. Als die Familien vor 200 Jahren begannen, sich im Wohnzimmer zu versammeln, behielten die reichen Bürger ihren Salon bei. Er war so etwas wie das offizielle Gesicht der Wohnung - und immer tipptopp aufgeräumt. Flecken auf dem Sofa, das ging gar nicht. Da hat Tante Ida recht. Als die Salons modern wurden, wurden auch gleich die passenden Möbel dazu hergestellt. Die typischen Sitzmöbel waren ein Sofa, zwei Sessel und mehrere Stühle. Dazu gehörte noch ein Tisch - wie bei unserer heutigen Sitzgruppe. Die Sitzordnung war genau festgelegt. Wenn Besuch kam, saß die Hausherrin mit der ältesten Dame auf dem Sofa, die Herren gegenüber in Sesseln. Junge Männer und Mädchen wurden auf die Stühle gesetzt. Später wurden sogar ganze Gruppen, die sich aus einem bestimmten Anlass in einem Raum versammelten, als Salon bezeichnet. Es gab den "Kunstsalon", wo Künstler gemeinsam eine Ausstellung zeigten. Es gab "literarische Salons", wo Leute sich trafen, um Bücher zu lesen und darüber zu reden. Zurzeit gibt es im Trierer Stadtmuseum alte Salonmöbel zu sehen. Eva-Maria Reuther