Kindergeschichte(n)

"Heute gehen wir nach Trier zum Theaterfest", verkündet Mama beim Frühstück. "Keine Zeit", brummt Papa hinter seiner Zeitung.

"Heute gehe ich zum Baumarkt und dann gucke ich Fussball." Mama stellt ihre Tasse so hart auf die Untertasse, dass es klirrt. "Jetzt sei mal nicht so ein Theatermuffel", regt sie sich auf. "Ich bin kein Theatermuffel", wehrt sich Papa, "ich war dieses Jahr schon dreimal im Theater. Und überhaupt: Was hat denn das Theater mit einem Fest zu tun?" Paul grinst: "Papa ist da wohl nicht upgedatet." Paul hat einen neuen Computer und deshalb redet er jetzt immer von "updaten", wenn er meint, jemand müsse auf den neusten Stand gebracht werden. Tatsächlich ist Papa nicht ganz auf dem Laufenden. Theater und Fest haben nämlich sehr viel miteinander zu tun. Nicht nur, weil die neue Spielzeit häufig mit einem Fest beginnt oder auf der Bühne Feste gefeiert werden. Genau genommen ist das Theater sozusagen aus dem Fest entstanden. Die ersten Theaterstücke wurden vor vielen Tausend Jahren bei religiösen Festen aufgeführt. Die alten Griechen waren ganz groß darin. An den hohen Feiertagen ihres Gottes Dionysos, dem Gott des Weins und der Freude, spielten sie zu seinen Ehren Theater. Erst wurde nur getanzt, aber bald gab es schon das, was wir heute als die "drei Sparten" des Theaters bezeichnen: Gesang, Schauspiel und Tanz. Bald erkannte man, dass man im Theater, vor allem im Schauspiel, nicht nur Gott verehren, sondern auch Geschichten erzählen und gut über menschliche Probleme wie Liebe oder Hass nachdenken kann. Im Theater wird zudem schon seit den Alten Griechen über Politik und den Zustand der Welt gesprochen. Auch für den berühmten Friedrich Schiller, der viele Theaterstücke geschrieben hat, war das Theater eine Möglichkeit, die Welt zu verbessern. Seine vor 200 Jahren geschriebenen Stücke sind immer noch aktuell. Richtige Fans, für die Theater und Fest unbedingt zusammengehörten, waren auch die Menschen des Barock, der Zeit vor 300 Jahren. Kein Fest wurde damals ohne Theateraufführungen gefeiert. Jedes Schloss hatte eine eigene Bühne. Die Schlossbesitzer und ihre Mitbewohner liebten es, sich zu verkleiden und rauschende Theaterfeste zu feiern. Manchmal verwechselten sie sogar Spiel und normales Leben. Heute geht es im Theater nicht ums Feiern. Es ist auch ein ganz spannender Ort, um Neues zu erfahren und über alles Mögliche nachzudenken. Den uralten Brauch, bei religiösen Festen Theater zu spielen, gibt es immer noch: zum Beispiel bei den weihnachtlichen Krippenspielen oder den Passionsspielen zu Ostern.Eva-Maria Reuther