Kindergeschichten

Paul schreibt für den Biologieunterricht einen Aufsatz über die Bienen. Mama schaut ihm über die Schulter.

"Die Biene (Apiformes) ist ein Taxon (eine Einheit) aus der Familie der Hautflügler", liest sie. "Woher hast du das denn?" fragt Mama misstrauisch. "Habe ich gegoogelt", antwortet Paul stolz. Mamas Blick verfinstert sich. "Du kannst doch nicht einfach etwas abschreiben, auch nicht aus dem Internet. Es gibt so etwas wie Urheberrechte." Paul schaut Mama genervt an: "Das machen doch alle. Und was ist überhaupt Urheberrecht?" Mama überlegt kurz. Dann beginnt sie zu erklären: Als Urheberrecht wird das Recht auf den Schutz geistigen Eigentums bezeichnet. Geistiges Eigentum sind die Texte von Büchern, Schriften, Aufsätzen, Gedichten, aber auch Werke der Bildenden Kunst, zum Beispiel Gemälde, Fotos oder Zeichnungen, außerdem Musikwerke und sogar Melodien. Also alles, was jemand sich selbst ausgedacht und dann niedergeschrieben oder als Bild oder Musikstück gestaltet hat. Will man nun aus solchen Werken etwas abschreiben, sie vervielfältigen oder als Musikstück aufführen, muss man den Namen desjenigen, der es geschaffen hat, angeben. Das ist der Urheber. Außerdem muss man in der Regel für die Aufführung von Musik, den Nachdruck von Fotos oder Büchern auch Geld bezahlen. Das Urheberrecht ist bei uns kaum 200 Jahre alt. Das heutige Gesetz dazu sogar erst knapp 50 Jahre. Dass es so etwas wie geistiges Eigentum gibt, ist den Menschen allerdings schon sehr lange bewusst. Bei den alten Indianervölkern galt es zum Beispiel als Diebstahl, wenn jemand unerlaubt Lieder sang, die ein anderer erfunden hatte. Und auch die alten Römer führten schon Prozesse wegen angeblich gestohlener Ideen. Im Mittelalter dagegen (der Zeit vor 1500 -500 Jahren) entstanden die meisten Schriften, Bücher und Musikstücke in Klöstern. Was die Mönche dort niederschrieben oder komponierten, wurde ihnen sozusagen von Gott diktiert, dachte man damals. Erst langsam (etwa vor 800 Jahren) und vor allem mit den neu entstandenen Universitäten wurden die Leute selbstbewusster. Sie waren stolz auf ihre eigene geistige Leistung und setzten ihren Namen unter ihre Texte und Kunstwerke. Ganz wichtig wurde das mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren, als man plötzlich alles unzählige Male vervielfältigen konnte und daher überall Kopien auftauchten. Aus jener Zeit stammen auch die heutigen Rechte der Verlage zum Druck von Büchern. Seit damals können Verlage das Recht erwerben, als Erste ein Buch zu drucken. Wer danach eine Kopie drucken will, muss sich seitdem dazu die Erlaubnis, die sogenannte Lizenz kaufen. Einem, dem es übrigens so ging, wie heute manchem Internet-Autor, war Martin Luther. Das Schlimme sei nicht, dass die Leute seine Texte abschrieben, beklagte er sich, sondern dass sie so ungenau abschrieben. Eva-Maria Reuther