kindergeschichten

Tante Helga ist zu Besuch. "Helga ist die reinste Zeitung", lacht Papa jedes Mal, wenn die Tante da war, "immer unterwegs mit den neusten Nachrichten.

 An der Haube kann man es erkennen: Diese Frau ist verheiratet. Foto: Stadtmuseum Simeonstift
An der Haube kann man es erkennen: Diese Frau ist verheiratet. Foto: Stadtmuseum Simeonstift

" Die hat sie auch diesmal dabei. "Stellt euch vor", erzählt sie gerade Mama und Max, "Inge kommt demnächst unter die Haube." Max überlegt, was das wohl für ein komisches Ding ist, das sich Cousine Inge da demnächst auf den Kopf setzt. Im Geist stellt er sich ihre tolle grüne Punkfrisur vor. Eigentlich schade, wenn die unter einer Haube verschwindet. Oder meint Tante Helga etwa, dass Inge sich jetzt Locken machen lässt und daher demnächst mit Lockenwicklern beim Friseur wie Oma unter der Haube sitzt, grübelt Max. Keine Sorge: Inge kann ihre Punkfrisur weiter offen tragen. Dass jemand "unter die Haube kommt" ist, nur eine beliebte Redensart, die nichts anderes bedeutet, als dass jemand heiratet. Sie stammt aus dem Mittelalter, der Zeit von etwa 500 bis 1500. Die Haare von Frauen galten damals wie heute als etwas Aufregendes, etwas, das den Männern besonders gut gefiel. Nur junge Mädchen und unverheiratete Frauen trugen deshalb ihre Haare offen. Sobald ein Mädchen verheiratet war, durften nur noch der eigene Ehemann und die Familie ihre Haare sehen. Ging eine Ehefrau aus dem Haus, musste sie ihre Haare mit einer Haube bedecken. Erschien eine Frau mit bedecktem Haar in der Öffentlichkeit, wusste jeder sofort: Die Frau hat einen Ehemann. Als verheiratete Frau ohne Kopfbedeckung auszugehen galt als unanständig. Für andere Leute sah das schnell so aus, als ob die Frau einen neuen Mann suchte. Am Anfang waren die Hauben ganz einfache Baumwolltücher, die um den Kopf geschlungen wurden. Manche hatten zudem noch einen Schleier. Später wurden die Hauben der Ehefrauen zu richtigen Modeartikeln. Es gab Hauben, die aussahen wie Turbane, Hauben mit Spitzenbesatz und sogar mit Goldfäden und Edelsteinen. Natürlich musste die Haube zum Kleid passen. Schon damals stellten die Leute ihren Wohlstand und ihr Ansehen gerne in der Kleidung dar. Eine Frau, die eine besonders kostbare Haube auf dem Kopf trug, zeigte damit, dass sie einen reichen, vielleicht sogar mächtigen Mann hatte. Übrigens hat das Mittelalter die Hauben der Ehefrauen, die noch bis vor 150 Jahren getragen wurden, nicht erfunden. Schon die alten Griechen und die Römer verlangten, dass ordentliche Ehefrauen in der Öffentlichkeit ihr Haar bedeckten. Das Kopftuch der Musliminnen ist auch nichts anderes. Was uns oft unverständlich erscheint, ist häufig gar nicht so weit weg. Eva-Maria Reuther