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Kitsch, Kunst, Küsse

Kitsch, Kunst, Küsse

Erfreulicher Griff ins Depot: Das Luxemburger Museum für Moderne Kunst (Mudam) hat seine Videos aus dem Lager geholt. Entstanden ist dabei eine reizvolle Schau voll Poesie und Nachdenklichkeit.

Luxemburg. (er) Die eleganten Tanzschritte stehen im krassen Gegensatz zu den ärmlichen Räumen. In der Sozialwohnung einer tristen Vorstadt von Barcelona stößt Israel Galváns Tanzkunst an ihre Grenzen. In dem beengten kleinbürgerlichen Umfeld wirkt der Flamencotänzer wie eine Aufziehpuppe, die vorzeitig in Gang gesetzt wurde. Die groteske Flamencoszene gehört zu Pedro G. Romeros sozialkritischem Video "La Casa", das sich mit der Tristesse der öden und seelenlosen Massenquartiere moderner Städte auseinandersetzt. Kunst und Menschlichkeit haben dort - wie zu sehen - keinen Raum. Und doch bleibt auch der Umkehrschluss: Erst die Kunst macht aus einer schäbigen Behausung eine phantasievolle Bühne. "La Casa" ist ein Beitrag der Ausstellung "Rhythmes" im Luxemburger Mudam, die zur Reihe "Storage" gehört. Hinter dem Titel verbirgt sich ein Projekt, das zum Ziel hat, geordnet nach Themengruppen den hauseigenen Bestand zu präsentieren. Unter "Rhythmes" sind Videos zusammengefasst, die Lebens- und Seelenrhythmen ausdruckstark ins Bild setzen. Mit Kitsch, Kunst, Küssen und Filmgeschichte jongliert der New Yorker Burt Barr in "Sextett". Nichts bleibt: Schockierend emotionslos ist dagegen die "Geschichte der Enttäuschung" des Belgiers Francis Alys. Hoch eindrucksvoll: Yazid Oulabs Video "Percussions graphiques" über die verdrängte Kultur Algeriens, in dem ein Bleistift atemlos Striche aufs Papier tackert, während im Hintergrund der Gesang der Sufis zu hören ist. Wer schon im Haus ist, sollte über den Lagerrand hinaus ins Obergeschoss schauen, wo Guillaume Leblon in einer malerischen Mischung aus Gegenständlichkeit und Abstraktion zur Sommerzeit den Strand ins Haus und an die Wand geholt hat. "Die Frage ist, warum", sinniert der junge fernöstliche Besucher nebenan. Vielleicht aus Liebeskummer, wie weiland Henri Toulouse-Lautrec.

Bis 13. September, Mo-So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr, Di geschlossen.