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Kultur
Wo sich Mittelalter und Moderne treffen

Gelungene Premiere: Das Orchester verbindet beim 1. Trierer Sinfoniekonzert Vergangenheit mit der Gegenwart.
Gelungene Premiere: Das Orchester verbindet beim 1. Trierer Sinfoniekonzert Vergangenheit mit der Gegenwart.
Trier. Klänge, die überzeugen: Das 1. Trierer Sinfoniekonzert bringt das ausverkaufte Theater zum Staunen.

Es klingt wie die Erschaffung der Welt. Ganz aus dem Nichts heraus spielt die Violin-Solistin im sechsfachen Pianissimo immer wieder die eine Figur – zwei Töne nacheinander, eine leere Quinte. Und dann entwickeln die Orchester-Streicher in wachsender Lautstärke einen weit ausladenden Klangteppich, in den das Marimbaphon scharfe Akzente einstreut.  Es ist jener Flächenklang, der György Ligeti in den 1960er Jahren berühmt machte – in den „Volumina“ für Orgel etwa oder dem  „Continuum“ für Cembalo. In das Violinkonzert hat Ligeti diese Klangtechnik eingebracht. Aber das Werk von 1992  ist ungleich reicher, unvielschichtiger als Ligetis ältere Musik. Keine Frage: Es gehört zu den großen Kompositionen der Gegenwart.

Ob im Trierer 1. Sinfoniekonzert bei Solistin Isabelle Magnenat und den Trierer Philharmonikern unter ihrem neuen Generalmusikdirektor Jochem Hochstenbach jeder Ton stimmte, ist eine müßige Frage. Es geht in diesem Violinkonzert aber um viel mehr: Um die Assoziationen, die Anklänge, die seelischen Schwingungen, die das Werk sendet und den Hörer erreichen sollen. Die klangen im ausverkauften Trierer Theater bei Solistin, Orchester und Dirigent in einer Vielfalt mit, die tief beeindruckt. Der erste Satz, „Praeludium“: ein Klanggemälde wie ein abstraktes Kunstwerk aus farbigen Flächen mit markanten Einsprengseln. Der zweite,  „Aria Hoquetus, Choral“: ein behutsamer Rückgriff auf die frühe Mehrstimmigkeit um 1200 mit einem wunderbaren Schluss im lichten C-Dur.

Das folgende „Intermezzo“ – ein inszenierter Höllensturz. Und dann die herrliche „Passacaglia“.  Ligeti schreibt in der Partitur: „Der ganze  Satz soll wie ein Kontinuum gestaltet werden. Es gibt keine Zäsuren“. Und die Interpreten realisieren es: ein dichter und dabei doch zerbrechlich wirkender Klang, eine faszinierende Begegnung von Mittelalter und expressionistischer Moderne. Der letzte Satz, „Appassionato“, greift die Motive des ersten auf, verläuft aber ungleich emotionaler, wilder, zerklüfteter und mündet vor dem knappen, fast aphoristischen Schluss in eine große Kadenz. Ligeti hat sie gemeinsam mit Saschko Gawriloff geschrieben, dem Widmungsträger des Violinkonzerts. Und da brilliert Isabelle Magnenat mit einer Sicherheit, Virtuosität und musikalischen Sensibilität, die einfach nur Staunen machen.

Diese Musik, die Vergangenheit und Gegenwart so eindringlich verknüpft, war fraglos Mittelpunkt im 1. Sinfoniekonzert. Und doch: Es gab in diesem Konzert keine Nebenwerke, nichts, was sich mit reiner Routine erledigen lässt.  

Bei Haydns Sinfonie 86 und bei der Zweiten von Brahms zeigte sich überdies: Triers neuer Generalmusikdirektor zielt auf einen anderen Orchesterklang – leichter, geschmeidiger, transparenter, noch beweglicher als bisher, mit echter Streicher-Kultur, federnden Akzenten und bestens integriertem Blech. Hochstenbachs ruhiger Schlag verleiht Haydns großer Pariser Sinfonie überdies etwas unaufgeregt Freundliches.  Freilich klingt dabei auch eine Neigung zum Harmlosen mit. Von dem hat sich Haydn mit seinem gesamten Oeuvre immer wieder energisch distanziert.

Zum harmonischen Abschluss dann die Zweite von Brahms. Mag sein, dass Hochstenbach dieses Werk mit seiner unnachahmlichen Verbindung aus Idyllik und Heroik zunächst eine Spur ins allzu Idyllische herein zieht. Aber spätestens beim schroffen, rhythmisch gezackten Abschnitt nach dem Kopfsatz-Seitenthema war  alle Problematik vorbei. Von da an steigerten sich Dirigent und  Orchester in eine schwer übertreffbare Präsenz. Der langsame Satz mit den sich aussingenden Celli gewinnt eine zugleich tragische und lyrische Tiefe. Und nach dem spielerischen, fast charmanten  „Allegretto grazioso“ verbreitete der letzte Satz dann wirbelnde Energie. Die blieb indes eine Spur fest und angestrengt. Vielleicht hätte etwas von der Haydn-Interpretation dem Finale gut getan.