Klauspeter Bungert und seine Monografie über den Komponisten César Franck

Rezension : Ein Philosoph unter den Komponisten

Umfassend und tiefgründig: Klauspeter Bungerts Monografie über César Franck.

Das Buch ist mit 232 Seiten vergleichsweise schmal. Und doch hat es den Charakter eines Lebenswerks. An den zahlreichen Zitaten, den detaillierten Werkanalysen, den eingehenden musiktheoretischen Reflexionen lässt sich ablesen: Hier hat Klauspeter Bungert sein Musikerleben an diesen Komponisten gewandt. Obwohl vollständig deutscher Herkunft, ist Franck in Deutschland immer noch ein großer Unbekannter. Bekannt ist er nur als Orgelkomponist, und gelegentlich erinnern Aufführungen der d-Moll-Sinfonie vage daran, dass Francks Schaffen noch ganz andere Dimensionen aufweist – in der Kammermusik, in der Oper. Vor allen aber und über alle Gattungsgrenzen hinweg hat Franck seinen Kompositionen subtilste Strukturen mitgegeben.

Klauspeter Bungert zielt auf solche Strukturen – vor allem die kompromisslose Polyphonie Francks, die hinausläuft auf einen „Verbund gleichermaßen wichtiger Stimmen“. Dass traditionelle Schemata, auch die sogenannte Sonatenhauptsatzform, darin keinen Platz mehr haben, versteht sich. Aber Bungert belegte auch analytisch überzeugend, dass „diese besondere Mehrstimmigkeit mit der Form in Wechselwirkung steht“. Was bedeutet: Formen werden den musikalischen Verläufen nicht einfach übergestülpt, sondern aus Strukturen heraus entwickelt. Bungert entdeckt bei César Franck neben der klingenden Außenseite Tiefenschichten unterhalb der sinnlichen (akustischen) Erscheinung. Franck erweist sich damit als reflektierender Komponist, als Philosoph in der Musik. Und wo Franck ein Philosoph unter den Komponisten ist, da erweist sich Klauspeter Bungert als Denker und als Nach-Denker.

Ist Bungerts Franck-Buch überwiegend für Fachleute und Esoteriker verfasst? Bis zum Ende des ersten Kapitels will es immer wieder den Anschein haben.  Aber dann setzt Bungert sein Wissen über Franck und die zuvor erreichte Reflexionstiefe um in sehr eigenständige Analysen. Das Kapitel „Werke“ ist der mit Abstand umfangreichste Teil in Bungerts Franck-Buch. Die Werk-Analysen machen sein Buch auch ganz praktisch lesenswert. Sie lassen sich vom Leser beliebig und weitgehend ohne detaillierte Kenntnis der theoretischen Grundlagen herausgreifen und für sich verstehen. Das gibt Bungerts Werk trotz seiner theoretischen Komplexität einen Handbuch-Charakter mit deutlichem Praxisbezug. So lohnen sich Anschaffung und Lektüre auch für alle, die musikwissenschaftlichen Analysen fernstehen und überdies für alle, denen die elektronische Kommunikation die Lust an längeren fortlaufenden Texten genommen hat. Für die Wissenschaft ist Bungerts „Annäherung“ ein wertvoller Beitrag zum vertieften Verstehen Francks, für Interpreten enthält das Buch ganz konkrete Hinweise, und für alle Musikfreunde ist es Anstoß zur näheren Beschäftigung mit diesem bedeutenden Komponisten. Bungerts Monografie ist in Format und Ausstattung ein Taschenbuch. Es ist handlich und mit einer deutlich lesbaren Schrift ausgestattet. Für künftige Auflagen sollten die Notenbeispiele freilich unbedingt besser reproduziert werden; einige sind nur schwer zu entziffern.

Cover Biographie César Franck. Foto: Canticus-Verlag

Klauspeter Bungert, César Franck. Eine analytische und interpretative Annäherung an sein Werk, 232 S., zahlreiche Notenbeispiele, Canticus-Verlag Hamburg, Zu beziehen über den Buch- und Musikalienhandel oder über https://www.bod.de/buchshop/cesar-franck-klauspeter-bungert-9783948435004

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