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König der Filmmusik: Ennio Morricone und sein großer Auftritt in Luxemburg

König der Filmmusik: Ennio Morricone und sein großer Auftritt in Luxemburg

Der Soundtrack eines Lebens: Ennio Morricone hat mit seiner Musik Hunderte Filme veredelt – und längst nicht nur Italo-Western-Klassiker wie „Spiel mir das Lied vom Tod“. Beim Auftritt in Luxemburg beweist der 86-jährige Italiener mit großem Orchester und Chor, dass seine Kompositionen auch ohne Kinoleinwand funktionieren.

Schon mal Dirty Dancing ohne Ton geschaut? Mal Céline Dions "My Heart will go on" gehört, ohne im Kopfkino gleich den Eisberg zu rammen? Oder mal "Spiel mir das Lied vom Tod" gesagt, ohne dass irgendwo eine Mundharmonika heult?

Ein guter Film kann ohne Musik funktionieren. Aber wie sieht es mit Filmmusik aus, wenn die großen Bilder fehlen? Nur mit Dirigent, Orchester, Chor. Ohne Schnickschnack, ohne Hollywood-Glutamat. Auch das kann ganz großartig sein. Aber nur, wenn ein Meister am Werk ist. Ennio Morricone ist einer.

Dienstagabend in der ausverkauften "Coque", kurz nach 20 Uhr. Für die 70 Mitglieder des gemischten Kodaly-Chors und die über 80 Orchestermusiker des Tschechischen National-Symphonieorchesters gibt es freundlichen Applaus von den 5200 Zuschauern. Als kurz darauf Ennio Morricone die Bühne betritt, sich kurz verbeugt, wird es erstmals laut in der Arena. Zwei Mal war das Konzert schon verschoben worden. Im vergangenen Jahr musste Morricone die komplette Tour wegen Rückenbeschwerden verlegen. Mancher Pessimist mag sich gedacht haben, dass es nichts mehr wird mit dem Auftritt des 86-Jährigen in Luxemburg. Falsch gedacht. Morricone - schwarzer Rollkragenpulli unter dem dunklen Anzug, die wuchtige Brille mit einem Band fixiert - will von einem Abschied nichts wissen. Die vielleicht letzte Konzertreise? Ach was. Das können sich Altrocker aufs Plakat drucken, mag er sich denken. Die original allerletzte Abschiedstour, jetzt aber echt!

Morricone braucht die PR-Kirmes nicht. Er geht nicht davon aus, dass nach der aktuellen Europatour Feierabend sein wird. Das sagte er im Vorfeld der Tour. An den Abenden selbst braucht er kein Wort zu sagen - das übernimmt die Musik für ihn.

Immer der richtige Ton

Dennoch steckt mehr als nur ein bisschen Lebensbilanz in "My Life in Music", unter diesem Motto steht das zweistündige Konzert. Morricone hat in einem halben Jahrhundert über 500 Filme und Fernsehsendungen mit seiner Musik veredelt. Berühmt wurde er in den 60ern mit Sergio Leones Italo-Western wie "Zwei glorreiche Halunken" oder "Für eine Handvoll Dollar".

Die bedrohlich jaulende Mundharmonika aus "Spiel mir das Lied vom Tod" gibt's in Luxemburg im Gegensatz zur Titelmelodie zwar nicht zu hören. Aber viele andere Stücke, die demonstrieren, dass der Römer immer den richtigen Ton findet. Ob nun beim Gangster-Epos "Die Unbestechlichen" oder einem eher dubiosen italienischen Science-Fiction-Film wie H2S. Ob bombastisch oder fast minimalistisch, mit Jazz- oder Avantgarde-Anleihen oder auch mal, wenn's passt, gediegenem Easy-Listening; hier ein Klarinetten-Solo, dort ein fast schon rockiges Schlagzeug - bei Morricone passt's zusammen.

Seine Kompositionen sollen nicht bloße Verstärker sein für die Emotionen, die schon das Bild liefert. Bei Morricone lief es oft umgekehrt, etwa bei der Zusammenarbeit mit dem einstigen Schulkollegen Sergio Leone, der vor einem Vierteljahrhundert starb. Zuerst stand die Musik, dann folgte die Optik. Die Emanzipation der Filmmusik: Mach' dir dein Bild dazu.

Ein Gänsehautmoment des Abends ist "The Ecstasy of Gold" mit der durch die Oktaven schwebenden Sopranistin Susanna Rigacci. Das Stück gibt es als Zugabe gleich ein zweites Mal zu hören. Wie auch Chi Mai aus dem französischen Actionfilm "Der Profi", ein Klassiker mit Jean-Paul Belmondo. Der Song mit den markanten Geigen hatte es 1981 in die Charts geschafft. Er steht auch exemplarisch dafür, wo Morricone überall Spuren hinterlassen hat: Das Stück dient Metallica seit 1983 als Intro bei Liveshows. Auch die US-Punkrocker Ramones nutzten es bei Konzerten.

Kleiner Randaspekt: Für keine seiner Filmmusiken erhielt Morricone einen Oscar. Den bekam er erst 2007 für sein Lebenswerk. Am Ende gibt's Standing Ovations. Und vielleicht kommt Morricone ja doch noch mal wieder. Weiteres Konzert: 30. März, Frankfurt (Festhalle)