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Koloraturen im Dampfbad

Koloraturen im Dampfbad

TRIER. Das Theater Trier verwandelt sich dieser Tage in ein Boxstudio im Chicago der 20er Jahre. Der Regisseur und Autor Rupert Lummer hat Rossinis Oper "Die Italienerin in Algier" nach zwei Jahrhunderten neu erfunden.

Ein wirklich beinharter Job für Tenor Eric Rieger und Bariton Laszlo Lukacs. Die beiden Sänger des Trierer Ensembles müssen Fäuste, Beine und Stimmbänder gleichzeitig koordinieren. Der lange Ungar treibt den kleinen Amerikaner durch den Boxring. Gerade und Aufwärtshaken pfeifen durch die Luft, begleitet von halsbrecherischen Koloraturen. Rupert Lummer probt "Die Italienerin in Algier", Rossinis erstes komisches Meisterwerk. Eine schräge Komödie, über deren Sensationserfolg bei der Uraufführung 1813 der Komponist vermerkte, das venezianische Publikum sei "noch verrückter als ich".Füllhorn turbulenter Tricks und Kniffe

Ein ganzes Füllhorn turbulenter Tricks und Kniffe hat der geniale Tonsetzer über der Musik und dem Libretto ausgeleert. Und das trotz unfassbaren Arbeitstempos: Das pralle Stück entstand in vier Wochen. Irrungen und Wirrungen aller Art, Parodien, Gags - "eine frühe Form des Slapsticks", analysiert der Opernführer Csampai/Holland. Comedy vom Feinsten, kombiniert mit Arien und Ensembles, deren Qualität sich hinter dem "Barbier von Sevilla" nicht zu verstecken braucht. Das schien dem Regisseur Rupert Lummer zu schade fürs Opernmuseum. Und so entwickelte er gemeinsam mit Esther Ferrier und Hank Irwin Kittel ein neues Textbuch und verlegte das Orient-Märchen ins Chicagoer Gangster-Milieu zu Zeiten eines Al Capone. Aus dem orientalischen Schloss wird der Boxclub "Algier", aus dem reichen Bey Mustafa ein mafioser Club-Besitzer, aus der schönen Italienerin Isabella eine Heilsarmee-Gouvernante. "Wir wollten ein Ambiente finden, das die Exotik und Anrüchigkeit von Rossinis Algier auf unsere Zeit überträgt", sagt Lummer. "Rossini hätte sicher Spaß dran gehabt", fügt er hinzu. Das Publikum im kleinen Landestheater Rudolstadt hatte ebenfalls reichlich Spaß, als die Neuproduktion im Jahr 1993 das Licht der Welt erblickte. Dass der Mafia-Rossini nach mehr als zehn Jahren in Trier wieder erweckt wird, liegt am Musikdramaturgen Peter Larsen. Der begeisterte sich damals als junger Regie-Assistent für die Persiflage und holte sie für seine erste Spielzeit an die Mosel. Freilich nicht als Aufguss der Rudolstadter Produktion: Das Bühnenbild ist neu, und Lummer hat gemeinsam mit dem musikalischen Leiter Franz Brochhagen Textbuch und Partitur noch einmal frisch mit dem Trierer Ensemble erarbeitet. Vor allem die Verständlichkeit seiner deutschen Texte liegt dem Regisseur am Herzen. Was den Umgang mit der Sprache angeht, stuft er sich als "Mahner in der Wüste" ein. Den meisten Opernhäusern sei "das Klangbild wichtiger als die Artikulation". Da habe er "großes Glück" mit den Trierer Sängern, die trotz des halben Dutzends unterschiedlicher Nationalitäten "echt gut artikulieren". Lummer lässt sich Zeit bei den Proben-Arbeiten. Für Kollegen, die von Produktion zu Produktion hetzen, hat er wenig Verständnis. In Erfurt setzte er letzten Herbst Mozarts "Don Giovanni" in Szene - eine Interpretation, die für jede Menge Diskussionsstoff sorgte. Wenn die "Italienerin" in Trier über die Bühne ist, will er sich wieder verstärkt der modernen Oper widmen. Dramaturg Larsen verspricht derweil fürs Stadtheater einen "richtigen Krimi mit boxenden Tenören, Koloraturen im Dampfbad und Pokerspielen um alles oder nichts". Was den Strip-Poker und die Sauna angeht, wird sich das Publikum bis zum Premiere gedulden müssen. Boxende Sänger waren dagegen schon bei einem eigens anberaumten Presse-Termin im Trainingsraum des Polizeisportvereins Trier zu bewundern. Halbschwergewichtler Laszlo Lukasz setzte sich dabei souverän gegen Fliegengewicht Eric Rieger durch. Wer später auf der Bühne den stimmlichen Punktsieg davon trägt, bleibt bis zur Premiere am 12. Februar offen.