Kolumne Unterm Strich: Darf man "dick" schreiben - oder nicht?

Kolumne : Rosa, Carmen – und Eurydike

Dicke Mädchen haben schöne Namen, heißen Tosca, Rosa oder Carmen“, singen die kölschen „Höhner“ jedes Jahr zum Karneval oder auch schon mal zwischendurch. Da tobt der Saal, und keine(r) fragt sich, ob das politisch korrekt ist, anti-­feministisch oder #metoo-feindlich.

Egal, im Karneval darf man alles (nee, eigentlich doch nicht – hallo, Frau Kramp-Karrenbauer!). Manchmal heißen die dicken Mädchen auch Eurydike, und da hört der Spaß allerdings auf. Das hat der Kritiker, den die Tageszeitung „Die Welt“ nach Salzburg zu den Festspielen geschickt hat, shitstormmäßig erfahren müssen. An einem Satz hat sich die Empörungsgemeinde aufgehängt: „Und leider läuft der gut geölte Marionetten-Mechanismus schnell leer, immer wieder machen dicke Frauen in engen Korsetten in diversen Separees die Beine breit“, schrieb der Rezensent auch über die Hauptdarstellerin Kathryn Lewek, die von ihrem Langweiler-Gatten Orpheus die Nase so was von voll hat, dass sie mit Zeus durchbrennt. Man kennt die Story. In Salzburg hatte Barrie Kosky, Chef der Komischen Oper Berlin, Offenbachs „Orpheus in der Unterwelt“ inszeniert – als überdrehte, vom Stummfilm inspirierte Gaga-Revue.

Dicke Frauen. Nun ja. So was zu sagen oder zu schreiben ist natürlich, vorsichtig ausgedrückt, nicht gerade gentlemanlike. Man sagt einer Frau nicht, dass sie dick ist. Auch nach 20 Jahren Ehe nicht. Man kann ihr höchstens durch die Blume mitteilen: „Ich kann nicht genug von dir haben.“ So ein vergiftetes Kompliment hat manchmal abführende Wirkung. Aber dann steht man zu ihr vermutlich in einer anderen Beziehung als ein Musikkritiker, der ausschließlich ihre künstlerische Leistung und nicht ihre Körpermaße zu begutachten hat. Hat eigentlich mal irgendein Rezensent über Birgit Nilsson, der legendären Wagner-Sängerin, geschrieben, dass sie als Brünhilde oder Isolde zu dick sei? Oder Montserrat Caballé als Rosina („Der Barbier von Sevilla“) oder Mimi („La Bohème“) zu umfangreich, um einem Tenor den Kopf zu verdrehen? Oder dass Jessye Norman als Purcells Dido ihrem Aeneas über den Kopf zu wachsen drohte? Und die junge Maria Callas war auch keine Birke auf der Bühne.

Kathryn Lewek jedenfalls, die Salzburger Eurydike, hat diesen Kritikpunkt nicht auf sich sitzen lassen und dem „Welt“-Kritiker via Internet die Meinung gegeigt. Der rechtfertigte sich damit, er habe „dicke Frauen als Prinzip der Inszenierung“ im Visier gehabt, „denn da waren dicke, als solche betonte Frauen zu sehen. Ohne Namensnennung, denn es ging hier nicht um eine Bühnenfigur im speziellen, sondern das praktizierte Prinzip“.

Okay, kann man machen. Oder vielleicht besser doch nicht? Nicht jede Sängerin sieht nun mal aus wie Kate Moss nach einer Bulimie-Attacke (wäre dem Stimmapparat vermutlich auch abträglich). Aber in diesem speziellen Fall können reale und Bühnenfigur leicht ineinander verschwimmen – zumindest in der Perspektive der Beschriebenen. Und dass die das nicht witzig finden, kann man irgendwie verstehen.

Da gibt und gab es natürlich jene Sängerinnen, die aus ihrem Körperumfang kein Hehl machen, sondern im Gegenteil noch für ihre Bühnenpräsenz grandios (und selbstironisch) zu nutzen wissen: Beth Ditto etwa, die amerikanische Sängerin, Ilka Bessin als Cindy aus Marzahn und die unvergessene Trude Herr, die aus gutem Grund keine Schokolade haben wollte (sondern lieber einen Mann).

Apropos Mann: Hat eigentlich mal jemand sich darüber ausgelassen, dass Luciano Pavarotti auch nicht gerade das Paradebeispiel eines sich durch die Pariser Bohème hungernden Rodolfo war? Und der Körperumfang der Wildecker Herzbuben scheint sich indirekt proportional zu ihrem Erfolg zu verhalten – zumindest in gewissen Fanschichten, die den Teufel tun würden, über dicke Männer abzulästern.

Fazit: Solange ihr nicht über die physischen Erscheinungsformen von Künstlerinnen und Künstlern gleichermaßen hämt, euch lustig macht oder einfach nur kritisiert, solange werdet ihr jede Menge Shit­storms über euch ergehen lassen müssen. Rainer Nolden

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