KOLUMNE

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die gerne betteln. Aber in Ihrem Fall tu ich's in aller Form: Bitte, bitte lassen Sie diesen Quatsch mit dem Comeback sein. Was immer Ihnen den ansonsten doch so wachen Verstand vernebelt haben könnte: Sie haben nix zu gewinnen, aber alles zu verlieren.

Ihr Ansehen, Ihre Gesundheit, ihre (nicht nur) für einen Boxer ansehnliche Physiognomie. Normalerweise wäre mir das ziemlich egal, wenn ein erwachsener Mensch, der sich nicht erkennbar im Zustand der Unzurechnungsfähigkeit befindet, freiwillig mit dem Kopf voraus in die Jauche springt. Aber irgendwie ist da Ihnen gegenüber eine besondere Zuneigung, nicht nur, weil Sie unser Trierer Kaiser-Augustus-Ordensträger sind. Das hat damit zu tun, dass Sie vor vielen Jahren das Boxen für Leute wie mich wieder zu einem erträglichen Sport gemacht haben. Da dominierten damals Typen wie der Killer Tyson, den ich mir allenfalls mit einem Kampfhund im Ring angesehen hätte. Oder Rocchigiani, der zwischen zwei Knastaufenthalten schnell mal ein paar Prügeleien in den Ring verlegte, weil da kein Strafverfahren drohte. Und dann kamen Sie und zeigten, dass Boxer keine Gestalten sein müssen, bei denen die Blumenkohl-Ohren und die Plattnase nur zur Markierung des von ihnen begrenzten Hohlraums dienen. Ein Kampf-Künstler mit Augenmaß und Köpfchen, nicht umsonst mit jenem Prädikat versehen, das die Boxhistorie zuletzt vor 110 Jahren an Gentleman Jim Corbett vergeben hatte. Wo sind sie jetzt hingekommen, Augenmaß und Köpfchen? Am Geld kann's nicht liegen. Sie hatten doch nie einen gierigen Clan zu versorgen, wie mein anderer Lieblingsboxer, der auch einen Kampf zu viel gemacht hat und heute, mit 64, dafür Beifall bekommt, wenn er tatternd den Arm hebt auf dem Golf-Wägelchen, mit dem man ihn in die Box-Arena rollt. Ich möchte bei Ihnen nicht auch über einen solchen Anblick heulen müssen. Lieber Henry Maske, Zeit lässt sich nicht zurückholen. Auch wenn Männer mit 42 das manchmal glauben. Perdu ist perdu, selbst wenn Sie das Senioren-Treffen gewinnen sollten. Schröder wird auch nicht mehr Kanzler, Kahn nie Weltmeister, und Pavarotti kein Siegfried in Bayreuth. Größe zeigt sich nicht nur in dem, was man leistet. Größe zeigt sich auch in der Fähigkeit, mit Niederlagen umzugehen. Selbst nach zehn Jahren.Dieter Lintz