| 20:35 Uhr

Komiker im Schlaglicht

Spielt den alten Theo Lingen: Michael Ophelders. Foto:Theater/Marco Piecuch
Spielt den alten Theo Lingen: Michael Ophelders. Foto:Theater/Marco Piecuch
Trier. Wie man aus einer eher dünnblütigen Vorlage dank exzellentem Handwerk noch einen unterhaltsam-schrägen Theaterabend herausholt, zeigt das Theater Trier mit dem neuen Studio-Stück "Theo Lingen - Komiker aus Versehen". Dieter Lintz

Trier. So ganz weiß man auch am Ende noch nicht, was das eigentlich sein soll: Eine Hommage an einen großen Schauspieler? Eine klamottige Revue? Eine tragikomische Lebensgeschichte im Dunstkreis der Nazis?
Das Stück von Tilmann von Blomberg ist nichts Halbes und nichts Ganzes - und von allem irgendwie zu wenig. Man bekommt allenfalls ab und zu einen Rockzipfel von Theo Lingen zu fassen, sieht eine Facette. Aber es rundet sich nie zu einem Bild.
Die Songs, neu getextet von Lingens einstigem Komödienpartner Ilja Richter (ja, der aus "Disco" und den Paukerfilmen), sind vereinzelt von durchaus bissiger Ironie, manchmal aber auch ziemlich beliebig. Wohl um eine Art Gerüst einzuziehen, lässt man eingangs Michael Ophelders eine längere Passage aus einer Lingen-Biografie verlesen.
Ansonsten verzichtet Regisseur Werner Tritzschler darauf, die gesammelten Lebensbilder zu einem Lebensfilm zusammenzufügen. Er setzt, weil da sonst nicht viel ist, auf grelle, schlaglichtartige Szenen. Lingen und der große Bert Brecht, Lingen und sein erster Theaterdirektor, Lingen und Hitler, Lingen und Goebbels, Lingen und Gustaf Gründgens.
Mensch ist dabei immer nur Theo Lingen. Die anderen sind groteske Chargen aus einem absurden Theater, lächerlich, karikaturhaft - und gerade dadurch bedrohlich, zumindest für einen, der eigentlich nur in Ruhe leben will, den es nicht nach Ruhm und Glamour dürstet. Der Mensch Theo Lingen, der begeisterter Burgschauspieler war, aber sein Geld mit dem verdiente, was er "drittklassige Limonadenfilme" nannte, der aus der linken Szene kam, sich aber mit den Nazis arrangieren musste, um seine teilweise jüdische Familie zu retten, der kein Widerständler war, aber doch auch kein Mitläufer wurde: Wir kommen ihm nicht richtig nahe in diesen 75 Theater-Minuten.
Dafür holen Tritzschler und seine vier Akteure aus dem arg substanzarmen Material mit ihrem virtuosen Spiel eine Menge an Effekten heraus. Grandios, wie Christian Miedreich die Nebenfiguren zur Kenntlichkeit verzerrt, bewundernswert die Wandelbarkeit von Sabine Brandauer, elegant das szenische Ping-Pong-Spiel zwischen Michael Ophelders, dem alten Lingen, und Matthias Stockinger, dem jungen.
Warum gerade dieses Stück?


Die vier Schauspieler teilen sich 20 Rollen, schlüpfen mit Höchsttempo von einer Identität in die nächste, quetschen, vom Regisseur professionell choreographiert, jeden Tropfen Theaterblut aus dem Text. Szenen und Songs (Begleitung: Angela Händel) wechseln sich ab, besonders Stockinger verfügt dabei über außerordentliche sängerische Gestaltungsfähigkeit.
Am Ende freundlicher Beifall im nicht ganz ausverkauften Studio. Die Frage, warum man gerade dieses Stück auf den Spielplan gesetzt hat, blieb letztlich unbeantwortet.