1. Region
  2. Kultur

Komm, ich kitzel dich

Komm, ich kitzel dich

TRIER. Vier Jungs zeigen sich offensichtlich beherzt: "Virgina Jetzt!" will "das Gebiet der Rockmusik" mit einem "Päckchen Dynamit" einebnen. Auf der Bühne verpacken sie allerdings Wohlfühl-Texte in scheppernden Seifenblasenpop.

Thomas war einmal in ein Mädchen verliebt. Um sie mit seinem Gitarrenspiel und selbstverfassten Liedern zu beeindrucken, hat er sie vor einiger Zeit zu einem Konzert eingeladen. Das gaben damals Thomas und sein Freund Nino. Aber weil Thomas meinte, dass das Mädchen den Weg zum Konzert nicht finden würde, malte er Pappschilder mit Pfeilen darauf und hängte sie an die Straßenlaternen. Doch das Mädchen ist gar nicht erst losgefahren und hat den Auftritt überhaupt nicht besucht. Nach ein paar Monaten, als Thomas‘ Liebeskummer verblasst war und ein griffiger Titel für die Band gesucht wurde, erinnerten er und die anderen Mitglieder sich an die Wörter, die auf den Pappschildern geschrieben standen: "Virginia Jetzt!"Glatte Texte, harmlose Melodien

Das ist die Geschichte über die Namensfindung dieser Gruppe. Die herzliche Anekdote steht stellvertretend für den Bandcharakter: Vier Frühzwanziger machen Musik für die Seele, mit glatten Texten und harmlosen Melodien. Nahtlos haben sie sich in den letzten Wochen in die neue deutsche Beliebtheitswelle eingereiht. Allerdings panscht "Virginia Jetzt!" mit scheppernden Gitarren und Wohlfühlakkorden eher Schaumschlägerpop als Electropunk: "Komm, ich kitzel Dich so lang, bist Du umfällst irgendwann und ich Dich fang." So heißt denn auch das Debütalbum "Wer hat Angst vor Virginia Jetzt!", und das erinnert nicht nur an ein Aufzählspiel in der Schulturnhalle, sondern spricht auch eben jene Zielgruppe an. Denn im Balkensaal des Exzellenzhauses drängen sich zum größten Teil Pennäler und Oberstufengänger mit schräg geschnittenen Haaren, Cordhosen und Ringelstrümpfen. In der ersten Reihe steht sogar eine Mädchenclique, die bereits beim Konzert in Köln dabei war. Sorgen die vier Jungs, die mittlerweile in Berlin leben, also für Herzklopfen unter besten Freundinnen?Herz-Schmerz-Musik ohne Haltung

Es sind diese seichten Lieder, die "Virginia Jetzt!" den Vorwurf eingebracht haben, Herz-Schmerz-Musik ohne Haltung zu machen. Da heißt es: "Der Nachtwind singt ein letztes Lied" und: "Solange wir hier stehn, schreien wir es laut und raus; und das klingt so: Mein Kopf, mein Mund, mein Bauch, mein Herz klingt so." Hier hallt eine Sehnsucht, die man in der Herkunft der vier jungen Männer beheimatet glaubt. Im brandenburgischen Elsterwerda scheint es noch diese Gefühle zu geben, die dazu führen, die Angebetete mit Konzerten verführen zu wollen. Hier gibt es die Jungs, die Pappschilder malen und sich nicht dafür schämen, aus "Meergeruch und Sand" "Luftschlösser" zu bauen: "Ich weiß, ohne dich wird's auch weitergehn, aber mit dir ist es dreifach schön." Sozialkritik bleibt deshalb außen vor, Politik sowieso. Auf der Klassenfahrt ging es schließlich auch nur ums Eindruckschinden, und in der Schulzeit um die erste große Liebe. Warum also soll man sich solche Songs nicht auch im neuen Wohnort Berlin ausdenken und in Trier davon erzählen? Beim Mädchen, das Thomas erfolglos zum Konzert eingeladen hatte, nutzte jedoch auch der spätere Bandname nichts. Virginia ist zwar stolz und trägt heute gerne T-Shirts, auf denen ihr Name mit Ausrufezeichen am Ende zu sehen ist, und sie freute sich, im Booklet des ersten Albums abgebildet zu sein. Allerdings: Verliebt hat sie sich deshalb in Thomas erst recht nicht.