1. Region
  2. Kultur

Konservativ, erdenschwer, süßlich

Konservativ, erdenschwer, süßlich

Die Ausstellung von Werken des regionalen Künstlers Hanns Scherl (1910-2001) in der Galerie im Alten Rathaus in Wittlich hat bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Der Grund: Scherls angebliche Nähe zum Nationalsozialismus. Der promovierte Trierer Kunsthistoriker Stephan Brakensiek hat sich mit Scherls Werken und der Form der Präsentation auseinandergesetzt.

Trier/Wittlich. (hpl) Seine Arbeiten prägen die Region: Der Wittlicher Künstler Hanns Scherl hat nicht nur die Bronze-Figuren vor der Trierer Sparkasse in der Theodor-Heuss-Allee geschaffen, sondern viele weitere Kunstwerke im öffentlichen Raum an der Mosel und in der Eifel. Seine Werke schmücken Kirchen und viele öffentliche Gebäude. In der Galerie im Alten Rathaus in Wittlich (vormals Georg-Meistermann-Museum) präsentiert eine Werkschau einen Überblick zum 100. Geburtstag des Künstlers.

Dr. Stephan Brakensiek lehrt im Fach Kunstgeschichte an der Universität Trier. Der 1968 geborene Wissenschaftler hat an der Ruhr-Uni Bochum studiert und ist seit 2004 an der Universität Trier beschäftigt. TV-Redakteur Hans-Peter Linz hat mit ihm die Ausstellung in Wittlich besucht und ihn interviewt. Die gezeigten Fotos von Scherl-Arbeiten hat Brakensiek für den TV kommentiert.

Wie ist die Ausstellung der Werke Hanns Scherls dokumentiert?

Brakensiek: An den ausgestellten Werken sind keine Erklärungstafeln angebracht. Zahlen weisen auf zusammenfassende Tafeln hin, die an den Türen der Räume zu sehen sind. Es gibt einige Ausstellungen - Dauer- wie Wechselausstellungen -, die diese Art der Kommentierung verwenden.

Was ist der Vorteil dieser Methode?

Brakensiek: Der Blick des Besuchers wird damit unmittelbar auf das Kunstwerk gelenkt. Sie ist ein legitimes und vielfach sogar gewinnversprechendes Modell, wenn etwa die Kunst eines ‚Großen' wie Rembrandt mit denen in der allgemeinen Rezeption weniger bedeutenden Zeitgenossen gemeinsam präsentiert werden soll. Dabei sollen nicht Namen, sondern die Objekte selbst für Qualität sprechen. Dokumentiert ist damit jedoch nichts; eine kunsthistorische Einordnung findet ja nicht statt, zumal bei der Scherl-Ausstellung ja nur Titel, Datierung und Material angegeben sind.

An Scherls Tätigkeit in der Zeit des Nationalsozialismus erinnert eine Vi trine.

Brakensiek: Die Vitrine zeigt zwei Fotografien von Arbeiten Scherls ("Gundel" (1939) und "Schaffende Jugend" (1937), die auf einer Schau des Gaus Moselland in Berlin-Pankow, Posen und in Breslau zwischen 1941 und 1942 gezeigt wurden. Sie belegen, dass Scherl zumindest von den Entscheidungsträgern auf der entsprechenden Ebene im NS-Kulturbetrieb als ihren ästhetischen Vorstellungen konform angesehen wurde. Andernfalls hätten sie ihn ja nicht ausgestellt. Zudem wird in dieser Vitrine - und das ist sehr schade - nur im Ausschlussverfahren betont, wie wenig Scherl mit dem NS-Apparat zu tun hatte. Aber warum dann seine Teilnahme an den Ausstellungen? Hier hätte eine kritischere und grundlegendere Aufarbeitung gutgetan, auch und gerade wegen der sehr hitzig geführten Diskussion im Vorfeld der Ausstellung.

Ist eine Veränderung seines Stils oder seiner Technik zu erkennen?

Brakensiek: Ja, sicherlich. Allerdings nicht auf den ersten Blick. Da die Räume thematisch gegliedert sind und auf eine Aufstellung der Werke nach der Chronologie ihres Entstehens verzichtet wird, ist ein Rekonstruieren der künstlerischen Entwicklung Scherls nur auf einer höheren Ebene möglich. Der normale Besucher erfährt davon nichts.

Aber der Ausstellung geht es meines Erachtens auch nicht um diese Entwicklung, sondern um die Darstellung Scherls als stets qualitätsvoller Bildhauer und Zeichner. Doch das lässt sich so nicht realisieren. Das ist manipulativ. Die Brüche in seinem Werk, etwa die zwischen den Arbeiten der 1930er Jahre und denen der 1960er und 1970er Jahre, werden eher nivelliert.

Häufig wird zwischen Bildender Kunst und angewandter Kunst oder auch Kunsthandwerk unterschieden. Wo könnte man Scherls Arbeiten in diesem Raster verorten?

Brakensiek: Zu allererst muss festgestellt werden, dass es nicht die Aufgabe von Kunst ist, schön zu sein. Hier liegt eher die Grenze zum Dekorativen, zu Volkskunst und Kunsthandwerk. Betrachtet man Scherls Arbeiten in dieser Ausstellung, die ja verschiedentlich als Modelle, Vorarbeiten oder verkleinerte Abgüsse von Plastiken für den öffentlichen Raum anzusehen sind, so zeigt sich, wie wenig Scherl am in der Bundesrepublik seit den 1960er Jahren intensiv geführten Diskurs zur Plastik, speziell zu der im öffentlichen Raum, teilgenommen hat, wie wenig er aktuelle Tendenzen beobachtete.

Wie würden Sie seine Arbeiten charakterisieren?

Brakensiek: Scherls Kunst ist eine sehr konservative, erdenschwere, an vielen Stellen süßliche in ihrer Wirkung, die vollständig darauf verzichtet, Stellung zu beziehen. Vielmehr verharrt sie in der Darstellung des rein Faktischen, zeigt Kinder, Liebespaare, glückliche Familien und immer wieder Tiere. Dabei bleibt er aber immer in der Schilderung der Physis stecken, ohne inhaltlich tiefer einzudringen, zu charakterisieren oder zu typisieren. Die Aussage reflektiert nicht etwa das, was eine Familie tatsächlich ist, sondern nur, wie er sie sich oberflächlich vorstellt.

Welche Beispiele würden Sie dafür nennen?

Brakensiek: Scherl gleitet oft ins Pathetische, so in seinen frühen Arbeiten, etwa beim St. Sebastian oder der "Knienden" von 1938 , dann aber auch wieder in den Bildwerken, die er in den 1960er und 1970er Jahren für kirchliche Kontexte schuf. Auch ist seine Auseinandersetzung mit dem Raum als konstituierendem Element für die Plastik des 20. Jahrhunderts eher wenig ausgebildet. Insofern sind seine Arbeiten vielfach eher der angewandten Kunst verwandt und mit einem deutlichen Hang zur Belanglosigkeit versehen - keinesfalls ist es große Kunst. Im Kontext zu Georg Meistermanns Arbeiten wird dies umso deutlicher.

Galerie im Alten Rathaus, Neustraße 2, Wittlich, Öffnungszeiten: Di. bis Fr.: 10-12 Uhr und 14-17 Uhr, Sa. 11-17 Uhr, So und an Feiertagen. 14-17 Uhr