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Konventionell, aber nicht von gestern

Konventionell, aber nicht von gestern

Eine exzellente, rollendeckende Besetzung, ein Orchester auf dem Weg zu neuen Ufern, ein intelligentes Bühnenbild und eine gediegene Regie: Mit diesen Zutaten machte das Theater Trier Mozarts Evergreen "Figaros Hochzeit" zu einer gelungenen, vom Publikum ausgiebig beklatschten Saisonpremiere.

Trier. Mozarts "Figaro" kann man, je nach Blickwinkel, unterschiedlich definieren: als psychologisches Seelendrama, als politische Revolutionsgeschichte oder als Intrigantenkomödie, in der jeder nach Leibeskräften versucht, den anderen über den Löffel zu barbieren.

Entsprechend unterschiedlich fallen die Inszenierungen aus. Benedikt Borrmanns Trierer Sichtweise beschreitet Mittelwege: Seine Figuren landen nicht auf der Couch des Tiefenpsychologen, aber sie sind auch keine eindimensionalen Comedy-Akteure mit schenkelklopfenden Pointen - der "Figaro" ist schließlich kein "Barbier".

Die gesellschaftlichen Zwänge des zu Ende gehenden Absolutismus sind spürbar, aber auch das Aufbegehren dagegen. Figaro und seine Braut Susanna wehren die Ansprüche des Grafen Almaviva auf das Recht der ersten Nacht selbstbewusst ab, aber sie sind nicht als Funktionäre im Dienst der Revolution unterwegs.

Der Graf, seiner absoluten Herrschaft zunehmend beraubt, ist kein adliger Grobian, der an seinen Privilegien hängt, sondern ein durchaus ernsthaft Liebender, die vernachlässigte Gräfin logischerweise nicht larmoyant, sondern wirklich zutiefst traurig.

Die Liebes-Geschichten sind existenziell, ebenso wie die Verunsicherung, die dadurch entsteht, dass es für jeden Momente gibt, in denen er sich von seinem/seiner Liebsten betrogen fühlen muss. Wer Musiktheater schon länger beobachtet, merkt unschwer, an welchem Vorbild die Regie sich orientiert: Jean-Pierre Ponnelles legendäre Inszenierungen aus den Siebziger Jahren haben Pate gestanden, inklusive einer Vielzahl von Zitaten.

Dazu passen die historisierenden, aber in keiner Weise plüschigen Kostüme von Carola Vollath. Ein Kunstwerk für sich ist Anna Kirschsteins Bühnenbild in marmoriertem Schweinchenrosa: Es beginnt im engen Zimmer von Figaro und Susanna und wächst dann von Szene zu Szene, dabei stets die Wände des letzten Bildes in das folgende integrierend.

Victor Puhls musikalische Interpretation ist mit dem Regie-Konzept verschmolzen: Kein grüblerischer, analytischer Mozart, aber auch kein edler Schleiflack: Die Trierer Philharmoniker spielen vom ersten Moment an vorwärtstreibend, entschieden, mit Saft und Kraft. Das Orchesterpodium ist weit hochgefahren, so dass Kommunikation zwischen Bühne und Graben stattfindet - manchmal sogar richtig die Funken fliegen. Man befruchtet sich gegenseitig, was auch für die angenehm-unaufdringliche Cembalo-Begleitung von Dirk Erdelkamp gilt, die dafür sorgt, dass der Dirigent buchstäblich die Hände und den Kopf für die Musiker und die Sänger frei hat. Und da kann Trier durchaus ein bisschen stolz sein: Eine "Figaro"-Besetzung in dieser Qualität fast ausschließlich mit Ensemble-Mitgliedern aufbieten zu können, ist nicht selbstverständlich. Alexander Trauth feiert in der Titelrolle ein fulminantes Debüt, kantig, deftig, zornig - und sängerisch trotzdem jederzeit beherrscht. Ein Kraftprotz, vom Typ her eher Bryn Terfel als Hermann Prey. Francis Bouyer, in seinem ersten Theater-Engagament, gibt den eleganten Gegenpol, einen Grafen, bei dem es unter der Oberfläche kocht. Sein Bariton ist hochkultiviert, sein Umgang mit dem Text filigran, an Stimmsitz und -volumen muss er noch feilen. Estelle Kruger kann mit der ganzen Melancholie und der Verzweiflung der Gräfin nahtlos an ihrer grandiosen Vorjahres-"Lucia" anknüpfen. Ihre Erinnerungs-Arie an die "schönen Momente" ihrer Beziehung zum Grafen ist ein gänsehautbereitender, unglaublich traurig-schöner Höhepunkt des Abends. Evelyn Czesla ist eine agile, kluge, souveräne Susanna, die jede Facette ihrer Rolle stimmlich und darstellerisch beherrscht. Und Eva Maria Günschmann kann in der Hosenrolle des Cherubino ihre ganze Schauspielkunst einbringen, um diese irrlichternde Amor-Figur, die die Beziehungsverhältnisse zum Tanzen bringt, zu gestalten - und liefert "nebenher" noch zwei blitzsaubere Parade-Arien.

Und auch sonst ist es eine Freude, dem spielfreudigen Ensemble zuzuschauen und zuzuhören. Peter Koppelmanns intriganter Musikmeister, Laszlo Lukacs' schräger Gärtner, Vera Ilievas und Pavel Czekalas Buffo-Paar Marcellina/Bartolo, Angela Pavonets ansehnliche Barbarina, Andrea Azzurinis skurriler Don Curzio: Da ist rundherum richtig gut gearbeitet worden. Wie übrigens auch bei den Übertiteln, die gerade beim "Figaro" besonders wichtig sind.

extra

Wollen Sie sich selbst einen ersten Eindruck des "Figaro" verschaffen? Dann sehen Sie sich ein Kurz-Video der Aufführung auf unserer homepage www.volksfreund.de/videos an. In Zukunft werden dort die neuen Theater-Produktionen als Kurz-Video zu sehen sein.