Konzert in der Synagoge Wittlich: Von den Seelenlagen der Musik

Wittlich : Konzert in der Synagoge Wittlich: Von den Seelenlagen der Musik

In der Wittlicher Synagoge war die Villa Musica mit einem bewegenden Konzert zu Gast.

„Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen“. Wer Gideon Kleins Streichtrio für Violine und Violoncello hört, das er 1944 im Konzentrationslager Theresienstadt schrieb, dem mag unwillkürlich Friedrich Nietzsches bitteres Wort in den Sinn kommen. Das Trio, das am Wochenende in der Wittlicher Synagoge erklang,  gehört zu den bewegendsten musikalischen Zeugnissen von Todesangst, Schrecken und wehmütiger Sehnsucht. Im Fall des tschechischen  jüdischen Komponisten sollte der Philosoph im übrigen nicht Recht behalten.

Gideon Klein ging an der üblen Wahrheit der Verhältnisse schrecklich zugrunde. Wenige Tage nach Vollendung seines Trios wurde der 25-Jährige von den Nazis  in Auschwitz ermordet. „Musik in der Synagoge“ hieß das Programm. Im Rahmen der Konzertreihe des Musikkreises  Wittlich waren vier hochtalentierte Stipendiaten der rheinland-pfälzischen Musikstiftung Villa Musica  gemeinsam mit dem wunderbaren israelischen Flötisten und Villa-Dozenten Eyal Ein-Habar in das Kulturzentrum an der Lieser gekommen.

Einmal mehr wurde die ehemalige Synagoge an diesem November-Abend  kurz vor Totensonntag zu einem Ort, an dem man zusammenkam, um sich mittels der Musik geistig und seelisch auszutauschen und der Villa-Musica-Tradition entsprechend, der im Dritten Reich ermordeten jüdischen Komponisten zu gedenken. Mit Gideon Kleins auf Leoš Janácek verweisendem  Trio erreichte der Konzertabend seinen eindringlichen Höhepunkt. Kraftvoll und dynamisch machten die Musiker die  Vielgestaltigkeit und die Stimmungen des phantasievollen Werks hörbar.

Erschütternd gegenwärtig wurden sein bösen Ahnungen, die gellenden Schreie in den Dissonanzen, die bedrohliche Dunkelheit,  in der die Gespenster höhnen, und die sehnsüchtige Schwermut. Man müsse der Musik den Schleier abreißen, um zu den Emotionen vorzudringen, hat Claude Debussy gefordert, dessen Werk im zweiten Teil des Abends erklang. Eben das vermochten die jungen Musiker.

In ihrem dringlichen zutiefst einfühlsamen Spiel wurde Kleins Trio zum seelischen Horrorszenario im Angesicht des Todes. Spannung und nuancenreicher Feinsinn zeichneten  anschließend das Spiel  im Fragment des Komponisten  für Violine und Violoncello aus, das 1941 im Jahr seiner Deportation entstand. Heiter und voll Wärme  hatte der Abend begonnen mit Ludwig van Beethovens Serenade in D-Dur op.25 für Flöte, Violine und Viola. Da hakte  dann zuweilen noch die Kommunikation unter den Musikern, und die Streicher kämpften hörbar  gegen  etliche Unsicherheiten. Allerdings war da bereits Ein-Habars Genie offenkundig.

Sein Flötenton ist leicht und strahlend, anmutig  zeichnete die Flöte ihre Melodienlinien. Dass der Flötist nicht allein ein Virtuose und brillanter Techniker ist, sondern auch ein Künstler, der mit tiefem Verständnis für das Werk musiziert, wurde einmal mehr bei Claude Debussys berühmten Trio für Flöte, Viola und Harfe faszinierend erfahrbar,  dem anderen leuchtenden Höhepunkt des Konzerts. Lautmalerisch schufen die Musiker innerhalb der barocken Vorbilder der Komposition ein wunderbar farbenreiches, hochsensibles  Klangszenario.

Sehr schön die vielen Farben und Talente  der Harfe, die anmutig perlte und  im temperamentvollen fast orientalisch anmutenden Finale leidenschaftlich  wie eine spanische Gitarre und sogar wie eine Trommel klang. Zum Schluss: das spätromantische Quintett für Flöte, Harfe und Streicher des weithin vergessenen Franzosen Jean Cras mit einem furiosen letzten Satz. Ein bewegender Abend,  was wohl auch das herzlich applaudierende Publikum in der gut gefüllten Synagoge  so empfand.

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