Konzert zum Jahreswechsel in der Trierer Basilika St. Paulin

Klassik : Große Musik und waches Musizieren

Das Konzert zum Jahreswechsel in der Trierer Basilika St. Paulin hat die Zuhörer am Silvesterabend begeistert.

Es war ein furioser Start. Fast vom ersten Takt an hatte Carl Maria von Webers 2. Klarinettenkonzert Klarheit und Konturen. Nur ganz wenig bleibt unter der Leitung von Volker Krebs im Basilikaorchester St. Paulin diffus und verschwommen. Und Catrin Stecker lieferte in der Basilika St. Paulin ein solistisches Glanzstück. Da kommt fast exemplarisch zusammen, was bei diesem Blasinstrument zusammengehört: die Wärme, Weichheit, Sanglichkeit in der Tongebung, ein weiter Atem und eine technische Virtuosität, die beeindruckt und bewegt. Zudem beschränken sich Volker Krebs und sein Basilikaorchester nicht auf neutrales Begleiten. Sie setzen eigene Akzente, lassen im Musizieren die deutsche Spieloper mitklingen, loten die emotionalen Tiefen im Mittelsatz aus. Und alle Interpreten entdecken gemeinsam die Dramatik im Konzert des „Freischütz“-Komponisten. Die ist echter und tiefer als all die Harmlosigkeit im frühromantischen Musiktheater. Da greifen große Musik und waches Musizieren ineinander. Und das Publikum in Triers voll besetzter Paulinkirche war begeistert.

Eine Frage freilich bleibt: Welchen Platz hat ein weltliches Konzertstück in einem geistlichen Konzert zum Jahreswechsel? War das Weber-Konzert vielleicht nur ein Fremdkörper im Konzert – hochrangig gewiss, aber doch ohne religiösen Bezug? Das freilich lässt sich auch anders sehen. Mit dem Weber-Konzert eröffnet Volker Krebs ein Programm, das Schritt für Schritt immer tiefer in einen geistigen und geistlichen Mittelpunkt geleitet. Da mag sich Carl Loewes Choralkantate über „Vom Himmel hoch“ in seiner allzu simplen Harmonik noch an der Peripherie befinden – zumal sich im Solistenquartett (Eva Maria Amann, Claudia Glesius, Derek Rue, David John Pike) die Intonation erst allmählich einpendelte. Und auch die Orchesterfassung von Loewes Ballade „Die Uhr“ mit dem glänzenden David John Pike blieb noch an der Oberfläche. Aber schon bei Mendelssohns Kantate „Hör mein Bitten“ machte die Interpretation alle musikalischen und vielleicht theologischen Einwände gegenstandslos. Eva Maria Amann gab dem Solosopran eine tief berührende Hingabe mit. Und der Basilikachor sang die weiten Linien dieser vielschichtigen, durch und durch polyphonen Komposition sorgfältig aus – eine große Musik zwischen Existenznot und Gottvertrauen.

Mit Zoltán Kodálys gewaltiger Vertonung des „Te Deum“ hatte das Konzert dann endgültig sein musikalisches und religiöses Zentrum erreicht. Keine Frage: Die Aufführung einer Komposition, die offensichtlich für große Besetzungen und ausladende Räume geschrieben wurde, ist riskant. Aber trotz mancher Überanstrengungen im Chor und einem gelegentlich überbordenden Orchester gelang es Volker Krebs, die Allmacht Gottes und die Gebete Gläubigen in ihrer ganzen Dramatik anschaulich zu machen.

Es ist eine bildkräftige Musik und war eine bildkräftige Interpretation.  Wie erschreckend beschwören die Chorsänger die Majestät des Höchsten, während das Orchester parallel dazu einen klingenden Höllensturz inszeniert. Und ob Fugati, heikle Passagen a cappella oder vollstimmiges Forte – Chor, Orchester und Dirigent  bewegten sich im Dickicht der Klänge gewiss mit Anstrengung, aber weitgehend ohne Makel. Und das Solistenquartett, das sich bei Loewe noch zusammensingen musste, es besticht mit Präsenz und erstaunlicher Sicherheit.

Und nun, mitten im religiösen Zentrum des Konzerts, wird Mendelssohns Oratoriensatz „Mache dich auf!“ zu mehr als nur einem freundlichen Abgesang. Obwohl sichtlich erschöpft vom Kodálys Komposition, entfalteten die Interpreten eine Erlösungsvision, wie sie nur Mendelssohn gelingen konnte. Eine Musik für die Seele – ohne Distanz und Drohgebärden. Ein herrlicher, ein bewegender Abschluss.