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„Kopfhören“ Mosel Musikfestival

Kultur : Wenn Tänzer Bilder in den Raum zeichnen 

Schon mal eindrucksvoll auf den Geschmack gebracht wurden die Zuhörer am Freitag beim Mosel Musikfestival in St. Maximin in Trier.  Im Rahmen des Formats „Kopfhören“ gab es einen Ausschnitt aus Elisabeth Schillings Choreographie der „Études pour piano“ von György Ligeti (1923-2006).

Die strengen Säulenreihen des stillen kraftvollen Kirchenschiffs der einstigen Trierer Abteikirche St. Maximin schienen den Bewegungen der Tänzer unten am Boden Halt zu geben. Bewegungen, die Zeit und Raum griffen, wirbelten, aufeinander zustrebten, um sich gleich wieder zu lösen, die Nähe suchten, um sich doch zu entfernen. Dann wieder waren die Tänzer ganz auf sich gestellt, drehten und wanden sich, Skulpturen gleich, die sich noch selbst erfahren müssen. Die Rede ist von  György Ligetis „Études pour piano“, für die derzeit Elisabeth Schilling mit ihrer Company eine Choreographie erarbeitet.

Das Projekt mit dem Titel „Hear eyes, move“ ist eine Koproduktion der Théâtres de la Ville de Luxembourg, dem Kunstfest Weimar und dem Mosel Musikfestival. Das Tanzstück der aus Wittlich stammenden, inzwischen international arbeitenden  Tänzerin und Choreographin wird bei der Ausgabe 2021 des Mosel Musikfestivals vollständig zu sehen sein. Am Freitag gab es schon mal in St. Maximin einen Vorgeschmack mit den Etüden Nr. 1, Nr. 4, und Nr. 6 im Rahmen des neuen  Festival-Formats „Kopfhören“. Um es gleich vorab zu sagen: Was sich bei dem kleinen Ausschnitt präsentierte, macht enorm Lust auf mehr.

Die zweite Ausgabe des neuen Formats entsprach einem Tanz-Werkstattbesuch. In einer Art Performance hatte die Choreographin zunächst die Bühne entgrenzt. Während sich die Tänzer warmmachten und gleichsam Maß am Raum nahmen, konnte das Publikum umhergehen und Raum und Künstler näher in Augenschein nehmen. Via Kopfhörer wurden die Gäste dabei von Festivalchef Tobias Scharfenberger über den Komponisten und das Werk informiert, bevor sie zum Tanz der Étuden selbst in den bereitgestellten Stühlen Platz nahmen. Die Musik kam vorerst aus der Konserve.

Ligetis 18 Etüden in drei Bänden, den „livres“, sind zwischen 1985 und 2001 entstanden. Das Spätwerk des gebürtigen Ungarn, das in der Tradition der Klavier-Etüden von Chopin, Debussy und anderen steht, gehört mit seinen vielfältigen Rhythmen und vielschichtigen Texturen, seiner Exotik und seinen zahllosen stilistischen Verweisen nicht nur zu den bedeutendsten Klavierwerken, sondern auch zu den mörderisch schwierigen. Allerdings ist es extrem beliebt bei Zuhörern, weil keinen Moment Langeweile aufkommt.

Das kompositorische Labyrinth, an dem selbst Hochambitionierte scheitern, weil „schneller, höher, weiter“ hier nicht weiterhilft, ist dagegen ein wahres Eldorado für Tänzer. Elisabeth Schilling und ihre fünfköpfige Truppe  gingen die Musik voll-sinnlich an – soll heißen: mit emotionaler Durchdringung wie mit der analytischen Schärfe des Geistes. Dynamisch, geschmeidig und präzise machten die Tänzer die Temperamente und Rhythmen der Musik erfahrbar. Ebenso wie ihre gegenläufigen Bewegungen, die sich am Ende schlüssig zum Gefüge verdichteten, so wie in der Sonaten ähnlichen Etüde Nr.4 mit dem Titel „Fanfare“.  Gleich eingangs wirbelten die jungen Künstler im fulminanten vermeintlichen „Désordre“ (Durcheinander) der Étude Nr. 1. Der Choreographie-Ausschnitt schloss fast abgeklärt mit der leicht melancholischen Étude Nr. 6, „Automne à Varsovie“ (Herbst in Warschau), durch die impressionistische Klarheit leuchtet. Die Choreographin und ihre Kompagnie veräußerten allerdings nicht allein die geistigen und seelischen Energien der Musik, sie ließen ihr auch ihre Gestalt, die feine prägnante Linie des pianistischen Anschlags, die skulpturale, kompakte Form des Akkords. Sie habe zunächst Skizzen gezeichnet, berichtete Elisabeth Schilling beim späteren Publikumsgespräch. Tatsächlich wirkten die schmalen Körper der Tänzer und ihre Bewegungen wie dynamische Zeichnungen im Raum. Auch das ein wunderbar passendes Bild im unerschütterliche Sicherheit ausstrahlenden Kirchenraum, der schützend den fragilen, flüchtigen menschlichen Tanz umgab.

Ligeti strebte künstlerisch übrigens nach Ewigkeit. Was einmal Zeit und Bewegung war, solle sich als zeitlos darstellen, hat er einmal sinngemäß über  das Ziel seines Schaffens gesagt. Die getanzten Etüden  des Komponisten und die alte Abteikirche von St. Maximin bilden dazu ein wunderbares Team.