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Kreative Besessenheit

Kreative Besessenheit

Ein hochdynamisches Konzert haben Herbie Hancock und sein Quartett im Rahmen des Luxemburg Festivals in der Philharmonie gegeben. Der 74-jährige Pianist und Grenzgänger zwischen musikalischen Genres beeindruckte mit Schalk, Energie und Experimentierfreude. Einigen Zuschauern war das allerdings zu viel.

Luxemburg. Bei Herbie Hancock, dessen über 50-jährige Musikerkarriere von immer neuen stilistischen Entwicklungen geprägt ist, muss man auf alles gefasst sein. Möglich, dass er akustischen Piano-Jazz auftischt, wahrscheinlich, dass er mit elektronischen Sounds um sich wirft oder beides verbindet.
Womit er sein Konzert in der Philharmonie eröffnet, haben aber wohl die wenigsten erwartet. Es ist ein musikalischer Hurrikan, beginnend mit einem Schlagzeug-Gewitter, das niemand Geringeres verursacht als Vinnie Colaiuta, der schon bei Zappa und Sting getrommelt hat. Hancock schmettert ekstatisch aufgeladene Piano- oder Synthesizer-Blitze hinein, Lionel Loueke Stromstöße seiner Gitarre und James Genus markig prasselnde Bass-Vibrationen.
Da wirbelt laut, schnell und lang eine derart gewaltige Fülle an Reizen durcheinander, dass selbst ein erprobtes Gehör zwischendrin mal aussteigen will. Einige Zuschauer tun das auch körperlich und verlassen den Saal. Zu früh, denn der Einstieg war nur eine Duftmarke, mit der die vier auf der Bühne Hirne von Rasterdenken frei gepustet, ihre Besessenheit und Kreativität demonstriert haben. Ab dem nächsten Stück geht es kontrollierter, wenn auch nicht weniger dynamisch zu. Es ist das vor 52 Jahren komponierte "Watermelon Man", das Hancocks Eintrittskarte in die Band von Miles Davis war. Hancock bittet sein Publikum in einer freundlichen und witzigen Ansprache allerdings um Verständnis, dass er den Titel immer neu interpretiert, um seiner nicht überdrüssig zu werden. Das tut er dann auch und beweist, dass seine Experimentierfreude selbst mit 74 Jahren noch ungebrochen ist.
Er nutzt modernste Elektronik und schickt sphärische Computer- oder satte Fusionklänge durch den Saal. Er mixt, zwischen Flügel und zahlreichen elektronischen Tasteninstrumenten pendelnd, freie Jazzimprovisationen mit Hip-Hop und Funk. Das alles geschieht mit viel Schalk, einem Necken und Locken der anderen Instrumente, besonders, wenn er mit umgehängtem Synthesizer auf der Bühne tänzelt.
Trommeln im Rekordtempo


Als Füllhorn an Ideen setzt sich das Konzert fort. Hancock lässt seinen Mitmusikern dabei viel Raum, vor allem dem durchgängig in Hochleistungssport-Tempo trommelnden Colaiuta und Gitarrist Loueke, der afrikanisch gefärbte Instrumental- und Gesangsnummern einbringt.
Besonders gut kommt beim Publikum an, wie zwischen Jazz-Improvisationen immer wieder der packende Groove von Hancocks wohl bekanntestem Hit "Cantaloupe Island" aufblitzt. Klar, dass danach auch "Rockit" kommen muss. Dieser Erfolgstitel setzt den Schlusspunkt unter ein Konzert, das mit seiner pulsierenden Vitalität viele begeistert, aber auch manche so abgeschreckt hat, dass sie schon vor Schluss den Saal verlassen.