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Krokodile im Maar und ein steinalter Schinderhannes

Krokodile im Maar und ein steinalter Schinderhannes

Abenteuer Archäologie: Darf’s ein bisschen Schiefer sein? Warum wir so gut wissen, wie es vor 400 Millionen Jahren im Hunsrück ausgesehen hat - und was vor 25 Millionen Jahren im Westerwald unterwegs war.

Bundenbach/Enspel Gut 700 Jahre alt ist Bundenbach, eine kleine Gemeinde im Landkreis Birkenfeld. Vorher schon haben die Treverer dort Spuren hinterlassen, in spätkeltischer Zeit. Aber das ist alles keinen halben Wimpernschlag voneinander entfernt. Bei Bundenbach denkt man zeitlich in XXL-Dimensionen - zumindest die Geologen. Denn dort, wo heute das Hunsrück-Örtchen liegt, hat sich ein Urozean verewigt - mit vielem, was dort kreuchte und fleuchte.
Zeitreise ins Devon, vor rund 400 Millionen Jahren. "Damals lagen wir hier südlich vom Äquator", sagt Dr. Thomas Schindler am Telefon. Er ist bei der Landesarchäologie Experte für Erdgeschichte. "Wo ich bin, in Rheinhessen, hatten wir einen offenen Ozean, nördlich vorgelagert war ein flacher Ozean - auch dort, wo Bundenbach heute liegt."
Die Geheimnisse liegen im Schiefer. In den Gesteinen, die dort in den Steinbrüchen ab dem 19. Jahrhundert industriell als Dachschiefer abgebaut wurden, finden sich etliche Fossilien. Urkrebse in verschiedenster Form, Seelilien, urzeitliche Panzerfische, Muscheln, Schnecken, Armfüßer oder auch Seesterne, wie wir sie heute noch kennen. Die meisten Arten davon sind längst ausgestorben - wie die Panzerfische.
"Seit den 1990ern gibt es eine gute Methode, diese Fossilien aus dem Schiefer freizulegen, mit einem Luftstrahl und feinstem Eisenpulver. Seitdem wurden auch viele neue Fossilien entdeckt", sagt Schindler. Vor allem aus der Gruppe der Gliederfüßer und deren Verwandten kam es zu spannenden Funden, die in der Szene weltweite Bedeutung erlangt haben: 2009 wurde etwa ein zehn Zentimeter großes Exemplar identifiziert - und "Schinderhannes bartelsi" benannt. Das ist eine Art urzeitliche Garnele, vereinfacht gesagt. Also ein sehr frühes Meerestier, das im Devon längst ausgestorben schien: Vergleichbare Fossilien kannte man zuvor nur aus Fossillagerstätten, die mindestens 100 Millionen Jahre älter sind als der Hunsrück-Schiefer.
Gut anderthalb Stunden braucht man von Bundenbach nach Enspel im Westerwald, sagt Google, mit dem Auto über die A 61. Erdgeschichtlich trennen beide (Fund-)Orte etwa 370 Millionen Jahre. Dass inzwischen so gut dokumentiert ist, wie es vor 25 Millionen Jahren im Westerwald ausgesehen hat - da war auch etwas Glück im Spiel. In Enspel bei Westerburg wurde seit dem Jahr 1900 Basalt abgebaut - ein Lavastrom, der in einen Maarsee geflossen ist, zu Basalt erstarrt ist, und der den ganzen Hohlraum ausgefüllt hat. In den 1980ern hatten zwei Schüler beim Spielen entdeckt, dass unter dem Basalt eine Art Ölschiefer liegt. Der Zufallsfund wurde zu einem Fall für die rheinland-pfälzischen Denkmalpfleger (siehe Extra). Seit 1990 hat die Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz unter der Leitung von Dr. Michael Wuttke im Stöffelpark bei Enspel rund 20 000 Fossilien gefunden und präpariert.
Vor 25 Millionen Jahren, im Tertiär, herrschte fast mediterranes Klima. "Im Tonschlamm haben sich die Fossilien exzellent erhalten", sagt Schindler. Verewigt wurden jede Menge Pflanzen, Frösche, Salamander. "Wir haben auch einen Schildkrötenpanzer gefunden und zudem jede Menge Zähne von Krokodilen, die damals im Maarsee gejagt haben." Die dürften so zwei Meter lang gewesen sein. Sie sind inzwischen ausgestorben - aber sie waren nahe Verwandte von Krokodilen, die heute noch in Afrika beheimatet sind.
Kormorane wurden entdeckt, dann das sogenannte Enspel-Huhn oder auch Maulwürfe. Aber der Star vom Maar heißt Eomis quercyi oder auf Deutsch: Stöffel-Maus, ein ausgestorbenes Nagetier mit dem gewissen Etwas. "Die Entdeckung war eine Sensation. Es war der erste Fund von einem gleitenden Säugetier. Die Flugmaus ist komplett mit Fell erhalten", sagt Schindler. Auch sie ist in der Ausstellung vorZEITEN in Mainz zu sehen.
Gegraben werde im Stöffelpark nahe Enspel inzwischen nicht mehr, "aber die Forschung ist noch im vollen Gange".

Extra: TV-SERIE: SO GEHT’S WEITER


Im vorigen Teil unserer Serie Abenteuer Archäologie haben wir erklärt, wie man mit Hilfe von Bäumen das Alter von Bauwerken bestimmen kann. Im folgenden Teil geht's um Neandertaler im Vulkan, Tanzszenen in der Eiszeit und die mysteriösen Toten von Herxheim. Texte, Videos und Fotos unter <%LINK auto="true" href="http://www.volksfreund.de/vorzeiten" text="www.volksfreund.de/vorzeiten" class="more"%>Extra: ERDGESCHICHTE FÜR ARCHÄOLOGEN


Was hat die Erdgeschichte mit der Landesarchäologie zu tun? Wissenschaftlich gesehen erst einmal nichts. Die Archäologie erforscht die kulturelle Entwicklung der Menschheit - und da kann der devonische Urozean keine Antworten liefern. In Rheinland-Pfalz ist aber das Referat Erdgeschichte an die Landesarchäologie angeschlossen: Hier zählt die Erdgeschichte zum Denkmalschutz und nicht zum Naturschutz - wie in den meisten anderen Bundesländern. Devon: Das geologische Zeitalter begann vor 419,2 Millionen Jahren und endete vor 358,9 Millionen Jahren - zwischen Silur und Karbon. Im Devon entwickelten sich Fische in großer Vielfalt, vor allem Panzerfische. Fast sechs Millionen Jahre im Devon-Zeitalter sind nach der Eifel benannt (Eifelium, 393 - 387 Millionen Jahre). Das Tertiär begann vor 65 Millionen Jahren und endete vor etwa 2,6 Millionen Jahren. Die Tier- und Pflanzenwelt, wie wir sie heute kennen, entwickelte sich hauptsächlich im Tertiär.