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Künstler als Täter

Künstler als Täter

Deutliche Kritik an der Präsentation der Scherl-Ausstellung in Wittlich übt Historiker Thomas Schnitzler. Er berichtete in einem Vortrag über die seiner Meinung nach bestehenden Verstrickungen des Künstlers in den Nationalsozialismus.

Wittlich. (har) "Das, was hier gelaufen ist, hat Hanns Scherl nicht verdient." Mit diesen Worten eröffnete Horst Hansen, bis zu dessen Auflösung Vorsitzender des Freundes- und Förderkreises des Georg-Meistermann-Museums, einen Abend, der Antworten auf Fragen nach der Rolle Hanns Scherls in den nationalsozialistischen Kulturbetrieb geben sollte. "Scherl war integriert." Diese Ansicht vertraten Historiker Dr. Thomas Schnitzler und Kunsthistoriker Dr. Justinus Maria Calleen beim Vortragsabend mit rund 40 Interessierten in der Alten Synagoge Wittlich.

Weiteres Fazit nach drei Stunden Veranstaltung und teils emotionaler Diskussion: Scherls Werke zeigen auch nach 1945 viele Merkmale der zur Zeit des Nationalsozialismus verordneten Kunst. Scherl sei kein Mitläufer, sondern ein Täter gewesen, sagte Calleen.

Dieses Wissen dürfe laut Schnitzler jedoch nicht bedeuten, dass keine Scherl-Werke ausgestellt werden dürften. Der Historiker sagte, dass eine Ausstellung mit Scherl-Werken sinnvoll ist, wenn die gezeigten Stücke in den historischen Kontext eingeordnet und kommentiert werden. Das sei im Fall der Wittlicher Ausstellung nicht oder nur unzureichend geschehen.

Einig waren sich Calleen und Schnitzler auch darin, dass es ein in Deutschland einmaliger Fall gewesen sei, dass der Wittlicher Stadtrat Calleen in seiner Funktion als Kulturamtsleiter gezwungen habe, eine Ausstellung mit Werken Scherls im Alten Rathaus zu zeigen (der TV berichtete). Sie zogen aufgrund dieses Vorgangs eine Parallele zwischen dem Verhalten des Gremiums und der Kulturpolitik des Nationalsozialismus.

In der Diskussion stellte unter anderem Zuhörer Michael Geisbüsch fest, dass die Aufarbeitung der Zeit des Nationalsozialismus in Wittlich noch lange nicht abgeschlossen sei. Er nannte als Beispiel für diese Notwendigkeit den 1989 aufgegebenen Versuch, Scherl die Ehrenbürgerwürde der Stadt zu verleihen.