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Künstler gerade wegen Corona in Existenznöte und appellieren an die Politik zu helfen

Freie Künstler : „Wir sorgen uns um die deutsche Kultur“

Kein Konzert, keine Show: Wegen der Coronakrise dürfen Musiker seit Wochen nicht live vor Publikum auftreten. Viele Künstler bringt das in Existenznot. Wird ihr Appell nach staatlicher Hilfe erhört?

(dpa) In Rheinland-Pfalz wird der Ruf nach mehr Hilfe für Künstlerinnen und Künstler in der Coronakrise lauter. „Der erleichterte Zugang zum Arbeitslosengeld II darf nicht das einzige Angebot an die Kulturszene des Landes bleiben, zumal ein erheblicher Teil der Zielgruppe davon nicht profitieren kann“, sagte Peter Stieber, Präsident des Landesmusikrats. Der Dachverband für mehr als 500 000 Menschen habe viele Rückmeldungen erhalten, dass das so genannte Corona-Grundeinkommen für Freiberufler nur sehr begrenzt eine Erleichterung der dramatischen ökonomischen Situation darstelle.

„Daher fordert der Landes­musikrat mit dem Deutschen Musikrat die Landes- und Bundesregierung auf, den Beschluss der Konferenz der Wirtschaftsminister für einen monatlichen Pauschalbetrag für Soloselbstständige umzusetzen“, betonte Stieber. Der Betrag wird auf Basis von nachgewiesenen coronabedingten Einkommensverlusten gewährt.

Auch Rocksängerin Julia Neigel („Schatten an der Wand“) ist sauer. „Bisher ist keine Soforthilfe für Künstler, Freiberufler und Soloselbstständige geplant. Künstler- und kreativfeindlicher kann ein Staat zu Schutzbefohlenen und Künstlern, Soloselbstständigen und Freiberuflern selbst in Friedenszeiten kaum noch sein“, kritisierte Neigel in Ludwigshafen. „Wir sorgen uns um deutsche Kultur, all die Clubs, die Kreativen, all die Millionen Menschen, die Kunst und Unterhaltung liefern. Die Regierenden sollten sich schämen.“

Ähnlich sieht es der Musiker Christian Stockert aus Freinsheim. „Viele Kolleginnen und Kollegen streamen online, aber ich bin nicht sicher, ob das das richtige Zeichen ist: Unser musikalisches Können immer wieder gratis freizugeben.“ Musik werde nicht aus dem Ärmel geschüttelt, dahinter stecke oft ein jahrzehntelanger Reifeprozess.

„Ich möchte nicht, dass die Kulturlandschaft zu einem „Jeder kann schauen“-Online-Ding verkommt, ohne das zu honorieren. Von einem Bäcker würde auch niemand erwarten, dass er die Brötchen verschenkt“, sagte Stockert, der im Jahr bundesweit etwa 130 Konzerte spielt. „Im Moment ist uns alles genommen, was zur Lebensgrundlage nötig ist.“

Auch beim Trierer Künstler Christian Dirr stehen zurzeit null Auftritte im Kalender. Das bedeutet: keine Einnahmen. „Das ist ein schwerer Schlag“, sagte Dirr, der sonst mit Stelzentheater, Feuershows und Jonglierkunst unterwegs ist. Er sei in der glücklichen Lage, ein wenig vorgesorgt zu haben. „Aber auf lange Sicht und für viele meiner Mitarbeiter ist das eine sehr schwierige Situation.“

Dirr spricht sich für eine „staatliche Hilfe mit Augenmaß“ aus. Künstler, die „wirklich in Not geraten“ seien, sollten unterstützt werden – wie andere Menschen, deren Einkommen weggebrochen ist. „Ob Künstler oder Friseur ohne Einnahmen. Da ist man im gleichen Boot.“

Künstler hätten oft „die positive Situation“, dass sie im Gegensatz zu anderen Selbstständigen keine Kosten wie Mieten hätten. Von daher helfe aber der Landeshilfsfonds wenig, weil er nur Kosten abdecke.

Der Kabarettist Detlev Schönauer komponierte gar ein Protestlied über die triste Lage. „Ziemlich doof ist es heute, ein Künstler oder Kulturschaffender zu sein, für Monate kein Einkommen – aber das interessiert kein Schwein“, singt der gebürtige Mainzer, der seit 1976 im Saarland lebt, in dem Song.

Der Musiker Peter Duemmler betreibt in Neuwied ein Tonstudio, ist Techniker für Live-Veranstaltungen und gibt Gitarrenunterricht – momentan online. Das Studio hat derzeit keine Aufträge. Duemmler geht davon aus, dass es 2020 keine Auftritte mehr geben wird. „Wenn die Richtlinien sich nicht ändern, bin ich gezwungen, meine Lebensversicherung zu kündigen, die eigentlich als Rente gedacht war“, erzählt er.

Betriebskosten werden zwar bezuschusst, „sollte ich aber Einnahmen haben, werden die gegengerechnet“. Für seine privaten Kosten erhält er keine Zuschüsse. „Um die zu finanzieren, müsste ich dasselbe aus eigener Kraft verdienen wie vor der Krise und ohne die Soforthilfe.“

Arbeitslosengeld II erhält ­Duemmler nach eigener Auskunft nicht, weil seine Partnerin „zu viel verdient“. Ein zusätzlicher Pauschalbetrag, wie vom Musikrat gefordert, „wäre schon mal ein Riesenschritt“, meint er. „Nur, wenn man ihn nicht mit der Soforthilfe verrechnen muss.“

Die Corona-Pandemie habe auch die Veranstalter von Musikfestivals in Finanznot gestürzt, heißt es in einem Schreiben von 40 Festivals aus Deutschland an die Bundesregierung. Sie fordern, dass Finanzhilfen schnell ankommen müssten – sonst drohe ein Kahlschlag in der Kulturszene. Zu den Unterzeichnern gehören aus Rheinland-Pfalz etwa das Mosel Musikfestival und das Internationale Musikfestival Koblenz.

„Die Lage für Künstlerinnen und Künstler in Rock, Pop und Jazz ist prekär“, heißt es in einem gemeinsamen Brief der Landesverbände für Rock&Pop und für Jazz in Rheinland-Pfalz an die Landesregierung. Durch den Wegfall von Auftrittsmöglichkeiten hätten die meisten ihre Haupteinnahmequelle verloren. Die Verbände fordern für existenziell gefährdete Künstler in Rheinland-Pfalz eine Corona-Sofort-Hilfe.

(dpa)