Künstlerin der Woche Alexandra Schmiedebach Stickend und zeichnend zurück zur Natur

Rosemarie Trockel strickte. Alexandra Schmiedebach stickt. Augenzwinkernd setzt sie Stich für Stich. Bei solchen Sticheleien entstehen fantastische, geradezu surreale Szenen von Tigern, die jemand im Urwald aufliest oder von Eisbären, die sich mit Affen im blauen Meer vergnügen.

Alexandra Schmiedebach vor ihrer Stickerei „Went and picked up a tiger today“.

Alexandra Schmiedebach vor ihrer Stickerei „Went and picked up a tiger today“.

Foto: Eva-Maria Reuther

Gewaltig menschelt es bei den kleinen Tierporträts im Stickrahmen. Doch keine voreiligen Schlüsse: Hier geht es nicht ursächlich um übliche Handarbeit, sondern um das Stickgarn als Linie und die Stiche als Striche.

Wer über Alexandra Schmiedebach spricht oder schreibt, befasst sich mit einer Künstlerin, die einfallsreich ihr Grundelement die Linie und ihre fast unendlichen Möglichkeiten auslotet und mit Open-End weiterentwickelt. „Die Linie ist der Weg, der nicht statisch ist, sondern dynamisch und sich ständig verändert“, sagt die Künstlerin. Bei der lebhaften Moselanerin hat man es – das ist sogleich klar – mit einer Frau zu tun, in deren Arbeiten sich Welterfahrung und der Umgang mit unterschiedlichen Künsten bildgebend verdichten.

Zu ihrer eigenen Vermessung der Welt brach die 1973 geborene Künstlerin nach dem Abitur aus ihrer Heimatstadt Traben-Trarbach auf. Zunächst studierte sie in Kiel Grafik, anschließend Freie Kunst an der renommierten Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam. Im nahen Utrecht wurde sie zur Übersetzerin von Theater-Texten ausgebildet. Ins südliche Afrika nach Namibia führte sie ihr Weg. Bis sie nach mehreren Jahren im Allgäu als Zugezogene zum Vulkaneifel-Fan wurde, bevor sie aus familiären Gründen in die heimatliche Jugendstilstadt zurückkehrte.

„Wer, was, warum?“ – die alte Frage, was die Welt, vornehmlich die nicht menschliche, zusammenhält, treibt auch Schmiedebach an. Das zu ergründen, geht sie im Gewirk des Lineaments, ihrer Landschaften, Tierbilder und Naturstücke auf die Suche. Alexandra Schmiedebach ist eine virtuose Zeichnerin, eine Meisterin der Linie, ob die nun ein Faden ist, ein Bleistiftstrich, der scharfe Schnitt eines Holzschnitts oder der weichere, variablere eines Linolschnitts. Hochvirtuos sind ihre kleinformatigen schwarz-weißen Bleistiftzeichnungen. Im grau-weißen Kosmos der kleinen Naturstücke wird die Künstlerin gleichermaßen zur Forscherin, Entdeckerin und Schöpferin neuer Welten. In den geheimnisvollen, fantastischen Mini- Universen, verdichten sich wie anderswo im Werk Innen-und Außenschau. Schließlich geht der Blick der Künstlerin auch dort stets nach innen, wo er sich draußen an den kleinen Gräsern und Pflanzen am Wegrand festmacht oder an Steinformationen und Wäldern der Eifel.

„Ich liebe die Natur und ich liebe die unscheinbaren, leicht zu übersehenden Dinge“, sagt die Künstlerin. Man kann die Frau mit den wachen Augen ohne weiteres als Neo-Romantikerin bezeichnen, mit ihrem Naturverständnis und ihrem Blick nach innen, wenn sie so hoch konzentriert im Schaffensprozess die Linie steuert und sich dabei dennoch auch von ihr leiten lässt. Wie die Romantik findet und sucht Schmiedebach in der Natur, ihrer Flora und Fauna, das Wunderbare wie das Bedrohliche, um es in die Kunst zu befreien. So bleiben auch gerade ihre Zeichnungen stets in der Schwebe zwischen märchenhaft Geheimnisvollem und Unheimlichem. Liebevoll und heiter kommen dagegen ihre gestickten Tierbilder daher. In einem namibischen Hilfsprojekt für unterprivilegierte Frauen in einer Township von Windhoek hatte die Künstlerin das Sticken als Akt der Befreiung und weiblicher Selbstermächtigung erlebt. Ermächtigt wird in ihren gestickten Tierbildern allerdings nicht der Mensch,  sondern augenzwinkernd (siehe oben) die Natur und die Erzählfreude der Künstlerin. Derzeit sind Alexandra Schmiedebachs Arbeiten in einer sehr schönen Ausstellung im Cusanus-Geburtshaus in Bernkastel-Kues zu sehen. Eva-Maria Reuther

Kontakt Künstlerin: alexandra-schmiedebach.jimdosite.com
Ausstellung: Bis 5.8., Di-So 12-17 Uhr ,.nikolaus-von-kues.de/geburtshaus/das-museum