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Kulturmacher Klauspeter Bungert aus Trier: Viel mehr als "nur" Musiker

Die Kulturmacher : Zugehörig und doch fremd in Trier

Ein Trierer Kulturmacher mit außergewöhnlichem Format: Klauspeter Bungert ist weit mehr als „nur“ ein Musiker.

Gerd Vockensperger muss sprachlos gewesen sein. Der Leiter des Musikkreises Springiersbach wollte nach einer Absage die Suche nach einem Pianisten für die bereits angereiste Flötistin schon aufgeben, so erzählt er. Da nahm Klauspeter Bungert die Angelegenheit in die Hände. Er stellte die Noten aufs Klavier und spielte ohne Probe – souverän und einfach perfekt! Der Abend war gerettet. Und Bungert hatte in Vockensperger einen Bewunderer mehr. „Er ist mein Hauspianist“, sagt der Konzert- und Reiseveranstalter.

Im Trierer Musikleben ist Klauspeter Bungert seit mindestens 50 Jahren eine feste Größe. Seine hohe musikalische Kompetenz ist völlig unbestritten. Und die Leichtigkeit, mit der er auch heikle musikalische Hürden nimmt, kann als genialisch gelten. So kann es kommen, dass andere sich in dem künstlerischen Erfolg sonnen, den Bungert als Klavierbegleiter in den Proben mit vorbereitet hat. Wie kommt es, dass einem Musiker dieses Formats die große Karriere versagt bleibt? Wie kommt es, dass er niemals wirklich im Rampenlicht der Öffentlichkeit gestanden hat?

„Er ordnet sich einfach nicht unter“, sagt Gerd Vockensperger, mittlerweile für Bungert ein zuverlässiger, wohlwollend-kritischer Freund. Und tatsächlich: Bungerts Biografie hat etwas Widerständiges. Zu Bruder Basilius und seinen Trierer Sängerknaben ging er nur auf Geheiß seiner Eltern. In Trier begann er nach dem Abitur mit einem Germanistik-Studium, ließ das aber nach anderthalb Semestern wieder einschlafen. „Unergiebig für meine literarischen Interessen“, urteilte er damals und betont es noch heute. Und Musikhochschulen kenne er nur als Klavierbegleiter bei Aufnahmeprüfungen und internen Vorspielen. Lange Jahre schrieb Bungert Kritiken für den Trierischen Volksfreund, mischte mit seinen unbeirrten und unkonventionellen Stellungnahmen das Trierer Musikleben auf und machte es damit dem zuständigen Redakteur nicht immer leicht. Sein beharrlicher Einsatz galt und gilt César Franck, dem bedeutenden und wohl immer noch unterschätzten französischer Komponisten deutscher Herkunft.

Noch vor wenigen Monaten hat er über Francks Kompositionskunst eine fundierte Analyse veröffentlicht. „Bungert entdeckt bei César Franck Tiefenschichten unterhalb der sinnlichen Erscheinung“, schrieb der TV. Und dass der César-Franck-Kenner auch Franck-Herausgeber und Franck-Bearbeiter ist, das versteht sich.

Einer wie Bungert hat es im Trierer Musikleben gewiss nicht leicht. Er ist Teil des regionalen Musikbetriebs und geht doch auf Distanz. Er ist zugehörig und doch fremd. Kein Wunder, dass er sein Leben in einem Trierer idyllischen Reihenhäuschen als „inneres Exil“ beschreibt. Eigensinn ist dafür die falsche Formel. Bungert gehört vielmehr zu den Menschen, bei denen Selbst- und Fremdeinschätzung krass auseinander fallen. Seine umfassende musikalische Aktivität ist für ihn persönlich Nebensache. „Nur fünf Prozent meiner Energie stecke ich in die Musik.“ Seit Jahrzehnten und von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, hat sich Bungert zu einer kulturellen Universalfigur entwickelt. Die Liste seiner Publikationen ist lang und vielfältig. Seine zahlreichen Theaterstücke füllen vier inhaltsreiche Bände. Über den Dichter Conrad Ferdinand Meyer hat Bungert eine Literaturstudie geschrieben.

Meyers Gesamtwerk liegt zudem auf CDs vor – gesprochen von Klauspeter Bungert. Er hat ein „annotiertes Werkverzeichnis“ verfasst über Sir Arthur Conan Doyle, den Vater des Sherlock Holmes. Und Schriften wie „Fiktive Monologe krebskranker Frauen“, die selbstironische Erzählung „Interview“ oder die „Astrologie der Ereignisse“, die einführt ins Wesen der Sterndeutung, sie unterstreichen nur die Universalität seiner Bildung und die Weite seines Horizonts.

Mit dem anspruchsvollen Titel „Unternehmen Faust“ hat Bungert einen Sammelband versehen, der vergangenes Jahr erschienen ist. Der Untertitel „Eine politische Utopie an fünf Abenden“ macht bereits deutlich: hier geht es nicht um Kunst und Musik, sondern um den Fortbestand der Zivilisation – ja, der ganzen Menschheit. „Kann die“, so fragt Bungert, „friedlich aus der Krise herausfinden, in die sie Kapitalismus, Überbevölkerung und Anspruchshaltung führten?“ Das bleibt offen, und die Antworten, die sich in den fünf Dramen herauskristallisieren, behalten etwas Vorläufiges. Aber ob positiv oder negativ – so oder so sind es Zukunftsvisionen mit erschreckender Realitätsnähe: „Der Automat“ bezieht sich auf das Leben in einem Überwachungsstaat. „Die Konferenz“ schildert den Versuch, mit viel Geld den Planeten zu sanieren. „Geld für alle“ greift das Thema „bedingungsloses Grundeinkommen“ auf.  „Ingenieure des Friedens“ handelt von einem Begrünungsprojekt in der Wüste. Und „Wenn die Bienen sterben“ bringt den allgemeinen und kaum gebremsten Raubbau an der Natur zur Sprache.

Die zahlreichen Publikationen von Klauspeter Bungert. Foto: Martin Möller Foto: TV/Martin Möller

Bungert und seine Ehefrau Sigrid Ertl begnügen sich nicht mit wohlklingender, aber unverbindlicher Theorie. Ganz unspektakulär erproben sie eine bescheidene Vision vom richtigen Leben: „Wir versuchen, möglichst wenig Ressourcen zu verbrauchen. Wir fliegen nicht, wir unternehmen keine großen Reisen, wir haben kein Auto, und wir ernähren uns vegan.“ Das ist gewiss nicht grandios, aber doch ein Indiz für den Ernst, mit dem die  Bungerts ihr Leben einrichten. Und es könnte ja sein,  das sich solch ein Lebensstil erst vollends entfalten kann im stillen Winkel einer kleinen Stadt und in einer dünn besiedelten Region. So, wie in Trier und dem Trierer Land. Martin Möller