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Kulturwoche
Marlenes unsichtbare Schwester

In vielen Familien gibt es ein schwarzes Schaf, das weder zu Geburtstagsfeiern erscheint noch zu Weihnachten eingeladen – und manchmal ganz totgeschwiegen wird. Ein solches schwarzes Schaf gab es auch in der preußischen Offiziersfamilie Louis Erich Otto Dietrich. Von Rainer Nolden

Die hatte zwei Töchter; die ältere hieß Elisabeth, die jüngere, 1901 und damit ein Jahr später geboren, Marlene. Während die eine sich schon früh aufmacht, ein Weltstar zu werden, blieb die andere in Deutschland und – schlimmer noch – wurde Nazi-Sympathisantin. Was für die erklärte Hitler- und NS-Gegnerin Marlene natürlich Grund genug war, die ältere Schwester aus ihrem Leben zu streichen. Dass sie es nicht so radikal getan hat, wie sie es später vorgab, beschreibt ihre Tochter Maria Riva in ihrer umfangreichen Biografie; da gab es auch nach dem Krieg noch Treffen mit „Tante Liesel“ in London, bei der sich, so Riva, Elisabeth „zu unserem wachsenden Befremden über die moralische Integrität des Deutschen Reiches ausließ. Sicher hätte es schlechte Nazis gegeben, jedoch sei unbestreitbar, dass Deutschland während der Naziherrschaft seinen verlorenen Ruhm wiedererlangt habe“. Erst derlei verfrühter AfD-Gedankenmüll war Grund genug für Marlene, den Kontakt zur ewiggestrigen und unbelehrbaren Schwester, die gemeinsam mit ihrem Mann in Bergen-Belsen ein Kino für Wehrmachtssoldaten und SS-Leute betrieb, endgültig zu kappen.

Ganz in der Nähe der Mordfabrik, in Celle nämlich, wird heute Abend ein Stück aufgeführt, das die Geschichte der beiden Frauen erzählt: „Fesche Lola, brave Liesel“. Nach der gleichnamigen Doppelbiografie von Heinrich Thies aus dem vergangenen Jahr entstand die Bühnenfassung, vom Autor selbst eingerichtet. Regie bei dem Stück mit viel Musik führt Schlosstheater-Intendant Andreas Döring. Das Stück stelle die Frage nach Anpassung und Widerstand und halte uns einen Spiegel vor. „Historiker beschreiben, was geworden ist, wir zeigen die Strecke dorthin.“ Döring interessierten die Glücksfindungs-Prozesse der ungleichen Schwestern, die emotionalen Abhängigkeiten und Widersprüche zwischen Wollen und Tun, sagte er. Liesel habe eine Sofa-Mentalität gehabt. Angesichts von AfD, Pegida und Neonazis in Chemnitz betonte der Regisseur: „Jede Zeit braucht ihre Wachsamkeit.“ ⇥no/dpa