Kunst oder Porno

Google, die scheinbar Allwissende, widmet ihm bald drei Millionen Hinweise. Tugendwächter laufen bei seinem Namen rot an. Westliche Frauenrechtlerinnen geraten in Rage, besorgte Eltern schließen seine Bildbände weg. Pornografie schreien die einen, hohe Kunst jubeln die anderen. Noboyoshi Araki ist einer der berühmtesten wie radikalsten Fotografen dieser Zeit. Derzeit sind seine Fotos in Luxemburg zu sehen.

Luxemburg. Selbst seriöse Blätter hierzulande bezeichnen ihn gern als "Japans schärfsten Exportartikel". In seinem Heimatland gerät er immer wieder wegen angeblicher Obszönität mit dem Gesetz in Konflikt. Dennoch ist Nobuyoshi Araki dort so populär wie ein Popstar. Um sich vom Aktfotografen Araki ablichten zu lassen, sollen Nippons Frauen Schlange stehen. Das ewig Weibliche hat den 1940 in Tokio geborenen Fotografen gleichermaßen berühmt gemacht wie seine größten Skandale gezeitigt. Am Anfang stand die Poesie mit Fotos der legendären "Sentimental Journey" und bisweilen morbiden Blumenbildern. Dann kamen die radikalen Fotos aus dem Rotlicht-Milieu von Tokio und die Bilder von gefesselten Frauen. Dabei tut der kleine Mann mit der Sonnenbrille, der unter Flugangst leidet und sich als schüchtern bezeichnet, nichts anderes als das, was Künstler zu aller Zeit getan haben. Sein Thema ist die Erotik und ihre Obsessionen, und dabei geht es hoch künstlerisch und sehr japanisch zu. Dem Blütenwesen auf der Spur

Der Sohn eines Schuhverkäufers, der die Franzosen Henri Cartier-Bresson und Jean-Luc Godard zu seinen Vorbildern zählt, steht fest in der Tradition japanischer Kunst- und Kulturgeschichte. Man muss sich nur die erotischen Zeichnungen eines Hokusai ansehen, man muss die Bedeutung der Blumen und der Natur in der japanischen Geisteswelt verstehen, um Araki zu begreifen. "Japanerinnen haben das Geheimnis von Pflanzen, Europäerinnen haben den Stolz und Glamour von Tieren", hat er einmal in einem Interview gesagt. Araki war zeitlebens diesem Blütenwesen auf der Spur. Und nicht nur das — in seinen Fotos von Frauen, in seinen Blüten und Eidechsen als Symbolen von Weiblichkeit und Männlichkeit sucht und findet der Fotograf auch immer sich selbst. Die Kunst aus dem fernen östlichen Kulturkreis ist hierzulande auf Missverständnisse programmiert, so wie die Fesselungsbilder der Werkgruppe "Kinbaku". Was ihm Weltruhm bescherte, brachte ihm im Westen auch den Vorwurf der Pornografie ein. Tatsächlich hat die japanische Praxis des "Kinbaku" nichts mit westlicher "Bondage" zu tun. Die Liebesbänder des Kinbaku stehen im Land der Stilisierung aller Dinge für Schmuck und Verpackung. Sie sind dem "Verweile doch, du bist so schön" der deutschen Dichtung viel näher als irgendeiner sado-macho Fantasie. Wobei Araki weiß: "Ich kann den Körper einer Frau fesseln, aber nicht ihre Gefühle". Die Galerie Clairefontaine zeigt einen Werksausschnitt, der den Künstler Araki eindrucksvoll vergegenwärtigt. Wer aufmerksam die Bilder betrachtet, wird Arakis "Foto-Ich" begegnen, jener Mischung aus "Fiktion, Wahrheit und Wunsch", die seine Fotos aus ihrer aufgeladenen Wirklichkeit in eine ferne körperlose Welt der Kunst entrückt. Bis 26. Juli, Galerie Clairefontaine, Espace 2 , 21 rue Saint-Esprit. Luxemburg, Öffnungszeiten: dienstags bis freitags von 14.30 bis 18.30, samstags von 10 bis 12 und 14 bis 17 Uhr;Telefon 00352/472324.