Kunstgeschichte(n)

Frau Meier übt mit ihrer Theatergruppe ein Dreikönigsspiel. Das wollen sie zum Fest der Heiligen Drei Könige am 6. Januar in der Kirche aufführen.

Doch Frau Meier ist genervt, weil nichts klappt. "Caspar drängelt sich immer vor", beschwert sich Balthasar und Maria kichert, weil Melchiors Krone schief sitzt. "Jetzt reißt euch mal zusammen", ruft Frau Meier. "Wir sind hier nicht im Kasperltheater!" Das hat Frau Schmidt gehört, die gerade hereinkommt. "So ein bisschen was hat Ihr Spiel schon damit zu tun", sagt sie und lacht. "Immerhin ist der Kasper aus dem Kasperltheater ursprünglich der König Caspar der Heiligen Drei Könige." Frau Schmidt hat recht. Doch der Reihe nach. Die biblische Geschichte von den drei Königen aus dem Morgenland wird seit etwa 700 Jahren zum Dreikönigsfest in den Kirchen dargestellt. Ursprünglich waren es Singspiele, die vom Besuch der Könige in Bethlehem handelten. Die Dreikönigsspiele waren so beliebt, dass sie bald auch außerhalb der Kirchen auf den Plätzen von Städten und Dörfern aufgeführt wurden. Dabei wurde König Caspar, den die Leute komisch fanden, weil er auf vielen Bildern schwarz ist, gern als Witzfigur dargestellt. Das war erst recht so, als vor gut 200 Jahren die Puppentheater groß in Mode kamen. Biblische Geschichten waren den Zuschauern inzwischen zu langweilig. Deshalb machten die Theaterleute aus dem Besuch der Heiligen Drei Könige spannende Geschichten, bei denen es jede Menge zu lachen gab. Die Hauptrolle spielte König Caspar (mit deutschem Namen Kasper), den die Leute so gern hatten, dass sie ihn bald liebevoll "Kasperl" nannten. Mit der Zeit verabschiedete sich Kasper ganz von der Dreikönigsgeschichte. Geblieben ist aber, dass er immer für das Gute kämpft, ob er nun einen Räuber oder ein Krokodil zum Gegner hat. Und noch etwas hat er von seinem biblischen Vorfahren: Am Ende werden die Bösen wieder in die Gemeinschaft der Guten aufgenommen. Und auch die Zipfelmütze, die nach vorne hängt, erinnert an die Könige aus dem Morgenland. Man nennt sie "phrygische Mütze". Phrygien ist eine Region im Orient, in der die Leute solche Mützen getragen haben. Auch die drei Könige, die in manchen Überlieferungen drei Gelehrte waren, sollen von dort gekommen sein. Deshalb tragen sie auf ganz alten Bilden oft keine Kronen, sondern phrygische Mützen. Eva-Maria Reuther