Kunstgeschichte(n)

"Wie sieht es hier denn aus?", empört sich Max\' Mama. Überall auf dem Zimmerboden liegen Papierschnipsel und zerschnittene Zeitungsseiten.

Auf dem Tisch kleckert Klebstoff aus einer offenen Tube. "Ich arbeite an einer Collage zur Fußball-WM", sagt Max und klebt zwei Schnipsel zusammen. "Und was soll das?" Mama zeigt auf die abgerissene Tapete an der Wand. "Das ist eine Decollage", antwortet Max hochnäsig. "Unsinn", sagt Mama streng, "das ist Schlamperei, bring\' das sofort in Ordnung." Und weg ist sie. "Keine Ahnung von Kunst", murmelt Max beleidigt. Natürlich hat Mama recht. Nicht alles, was von der Wand gerissen wird, ist ein Kunstwerk. Aber Max hat auch recht. Tatsächlich gibt es in der Kunst eine Technik, die Collage heißt. Das Gegenteil ist die Decollage. Das Wort Collage kommt aus dem Französischen und bedeutet zusammenkleben. In der Kunst ist dabei ursprünglich ein Verfahren gemeint, bei dem bunte Papierstücke, Zeitungsausschnitte, Fotos oder einfach Papierschnipsel auf einen Untergrund wie etwa Karton aufgeklebt werden. Und zwar so, dass am Ende ein neues Bild entsteht. Wer eine Collage plant, muss sich erst einmal überlegen, was er überhaupt zeigen will. Bei einer WM-Collage könnte man zum Beispiel ein Foto von Thomas Müller, wie er gerade ein Tor schießt, ausschneiden und aufkleben. Man könnte aber auch nur sein Bein mit dem Ball ausschneiden und viele Male nebeneinander kleben. Bei einer Collage zu Opas 70. Geburtstag würde man dagegen aus Fotos von Opas Leben, aus Briefstücken und anderem ein Bild schaffen, das von Opa erzählt. Man kann aber auch aus bunten Papierschnipseln ganz neue Bilder nur aus Farben und Formen zusammenkleben. Collagen werden schon seit über 100 Jahren in der Kunst angefertigt. Inzwischen gibt es sie auch in der Musik. Dort heißen Musikstücke so, die ohne Verbindung aneinandergefügt sind. Auch in Erzählungen und bei Theaterstücken gibt es Collagen. Da wird auch nicht geklebt, sondern die Teile werden lose aneinandergefügt. Bei der Decollage geht es genau umgekehrt zu. Die Vorsilbe "de" zeigt an, dass etwas rückgängig gemacht wird. In der bildenden Kunst wird zum Beispiel dabei etwas Aufgeklebtes, wie eine Tapete, wieder abgerissen, um den Untergrund sichtbar zu machen. Eva-Maria Reuther