Kunstgeschichte(n)

Onkel Eberhards Gesicht läuft gefährlich rot an. Mit Tante Helga steht er vor einem großen roten Bild im Museum, das ein berühmter Maler gemalt hat.

"Du hast mir große Kunst versprochen", schimpft er so laut, dass sich die andern Leute schon umdrehen. "Dabei ist auf dem Bild doch nichts als rote Farbe und eine schwarze Linie." Onkel Eberhard schnappt nach Luft. "Da schaue ich mir lieber ein gutes Fußballspiel an, das ist echte Kunst." So wie Onkel Eberhard geht es vielen Leuten, sogar solchen, die sich von Berufs wegen mit Kunst befassen. Das Bild, das Onkel Eberhard so aufregt, ist ein abstraktes Bild. Das sind Bilder, auf denen nichts zu sehen ist, was wir aus der Natur oder unserem täglichen Leben kennen, zum Beispiel Menschen, Tiere, Bäume, Blumen, Gegenstände ... Auf abstrakten Bildern sind nur Farben oder geometrische Zeichen und Formen zu sehen wie Linien, Rechtecke und Kreise. Abstrakte Bilder gibt es seit genau 100 Jahren. Trotzdem finden immer noch viele Leute solche Bilder langweilig oder unverständlich. Das liegt häufig an einem Missverständnis. Oft glauben die Leute nämlich, dass auf einem Bild nur das zu sehen ist, was darauf abgebildet ist. In Wirklichkeit wollen Bilder aber nicht so angeschaut werden, wie man nachschaut, was noch alles im Kühlschrank ist. Bilder wollen, wie der berühmte Maler Paul Klee einmal gesagt hat, "das Unsichtbare sichtbar machen". Damit meinte er, dass ein Maler alles, was er in seinem Gedächtnis an Gefühlen und Eindrücken gespeichert hat, in seinen Bildern ausdrückt. Aber nicht nur das: Bilder wollen auch, dass sich die Leute beim Betrachten an das erinnern, was sie selbst erlebt und unsichtbar in ihrem Gedächtnis gespeichert haben. Das ist natürlich einfacher, wenn auf einem Bild ein Haus oder ein Pferd zu sehen ist, und nicht nur ein paar Linien oder eine einfarbige Fläche. Bei abstrakter Kunst muss man nämlich selbst entscheiden, welches Bild aus den vielen Bildern, die man im Gedächtnis hat, hier passen könnte. Zugegeben: Dazu gehört ein bisschen Mut. Aber dafür hat man auch fast die freie Auswahl. Zum Beispiel kann eine Linie, die im Bild schwebt, ein Zeichen für Bewegung sein. Vielleicht denken wir dabei an einen Vogel oder an die Seiltänzer aus dem Zirkus. Die Farbe Rot erinnert uns vielleicht daran, wie es sich angefühlt hat, als wir uns mal ganz toll gefreut haben oder einfach nur an die super Erdbeertorte vom Geburtstag. Das ist eben das Schöne an der abstrakten Kunst. Sie macht uns frei und lässt uns ganz viel Raum für unsere eigenen Bilder! Eva-Maria Reuther