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Kurzkritik "Alle meine Söhne" im Grand Théâtre

Kurzkritik "Alle meine Söhne" im Grand Théâtre

Der Rasen ist grün, Äpfel liegen verstreut herum, Gartenstühle laden zum Verweilen ein. Es ist eine fast perfekte Idylle, die sich Familie Keller aufgebaut hat.

Doch bald schon wird klar, dass der Rasen nicht ganz so perfekt ist, die Idylle trügerisch. Unterschwellig belastet die Familie ein Geheimnis. Denn Familienvater Joe Keller war einst Nachbar und Geschäftspartner von Steve Deever. Bis ihre gemeinsame Firma während des zweiten Weltkriegs defekte Teile an die Luftwaffe lieferte - und 21 Piloten starben. Steve kam ins Gefängnis, Joe beteuerte seine Unschuld und wurde freigelassen. Seitdem führt Familie Keller wieder ein Bilderbuchleben. Doch mit der Ankunft von Ann, Steves Tochter, und ihrem Bruder George werden die unterdrückten Gefühle wieder an die Oberfläche gezerrt. Die innere Zerrissenheit, der Spagat zwischen dem Ideal der Familie und den unterdrückten Emotionen, wird in Arthur Millers "Alle meine Söhne" von dem Ensemble des Deutschen Theaters Berlin unter der Regie Roger Vontobels eindrucksvoll vermittelt. Bei aller Intensität schafft die Gruppe aber auch, hier und da mit Komik die Stimmung zu lockern - vor allem dann, wenn Ann (Meike Droste) und Chris (Daniel Hoevels) ins Flirten verfallen. Kameras halten vor allem am Ende die Gesichter der Darsteller auf zwei Leinwänden fest. Auf einer 360-Grad-Bühne wird zudem eine verkürzte Version des Werks gezeigt. Beides verdichtet die Spannungen auf dem Bühnengeschehen stark. Allerdings hat die Verkürzung den Nachteil, dass manche Gedankensprünge und Meinungswechsel dem Zuschauer etwas zu abrupt erscheinen. Allen voran Ulrike Krumbiegel als Mutter Kate schafft es aber problemlos, zwischen der Verzweiflung über den vermissten Sohn und der manipulativen Familienmutter hin- und herzuspringen. Auch Jörg Pose als Vater Joe markiert den erfolgreichen Geschäftsmann gekonnt, lässt aber gleichzeitig seine Scham immer wieder aufblitzen. Anita Lozina