1. Region
  2. Kultur

Kurzkritik: ÓLAFUR ARNALDS in Schweich

Kurzkritik: ÓLAFUR ARNALDS in Schweich

Verdammt, erst Mai und da draußen tyrannisiert uns schon der Frühling. Wie schön wären jetzt Schneeschippen auf Glatteis, gefrorene Ohren und weiße Ödnis.

So empfindet, wer in der ehemaligen Schweicher Synagoge vom isländischen neoklassischen Komponisten und Pianisten Ólafur Arnalds beschallt wurde. Mit einem Streichquartett an seiner Seite spielte der 26-Jährige vor allem Stücke aus seinem dritten Album "For Now I Am Winter" - und wirklich, eine Strandparty ließe sich damit kaum beschallen: Wie träge, dicke Schneeflocken hängen einzelne Töne des Flügels im hohen Raum. Streicher in Ultrazeitlupe verlieren sich in Obertönen. Ein Beamer wirft monochrome Bilder von glitzernden Irrlichtern an die Wand. In den riesigen Pausen zwischen den wohlgesetzten Tönen rutscht das Bewusstsein der Zuhörer gerade in die Trance, als plötzlich ein Multiinstrumentalist den Sampler anwirft: Der dumpf blubbernde Beat wird aber nie schneller, als man durch kniehohen Schnee waten kann. Am Ende schaltet Arnalds alle Verstärker ab, weil allein deren Summen ihm schon zu viel störendes Geräusch ist. Seine als Solo angekündigte Zugabe wird doch wieder von einer Violine, jetzt unsichtbar von der Empore, beantwortet. Schließlich verebbt die Musik wie in dichtem Schneetreiben. Die 80 Zuschauer klatschen begeistert und müssen wieder hinaus, ein halbes Jahr auf den Winter warten. Frank Göbel