Lächeln über dem Abgrund

Lächeln über dem Abgrund

Drei große Fernsehnamen, ein eminent spannendes Thema, ein angesagter aktueller Autor: Das Kapuzinertheater in Luxemburg fährt ganz schön auf für seine spektakulärste Eigenproduktion seit der Fusion mit dem Grand Théâtre. Es könnte ein Theaterabend der Superlative werden.

Luxemburg. Theatermachen kann ein ganz schön harter Job sein. Ein bisschen erschöpft sieht das Paar auf der kleinen Bühne aus, dabei ist es erst die Nachmittagsprobe, die es hinter sich hat. Unermüdlich redet ein Mann auf die beiden ein, mehr als eine Stunde dauert die Probenkritik. Jede Bewegung, jedes Wort, jede Geste wird nachgearbeitet.
Mit Glamour hat die Szenerie im dunklen Saal des Luxemburger Kapuzinertheaters denkbar wenig zu tun. Auch wenn die drei Akteure zur ersten Garde der deutschen Bildschirmstars gehören. Ohne Roman Kni{zcaron}ka und Herbert Knaup wäre die Fernsehspiel- und Krimilandschaft um zwei ihrer profiliertesten Charakterdarsteller ärmer. Und Désirée Nosbusch ist nicht nur eine gefragte Gala-Moderatorin, sondern auch Schauspielerin und studierte Filmregisseurin.
Aber das hilft alles nichts, wenn man vor einem Trumm von Theaterstück steht, eineinhalb Stunden lang, ohne Atempause, zwei Personen auf höchster Drehzahl. Kein Teleprompter zum Ablesen, keine Wiederholung, wenn ein Take nicht sitzt, dafür ein Live-Publikum unten im Saal, das an den Lippen der Akteure hängt. "Das kostet ganz schön Energie", sagt Roman Kni{zcaron}ka, "man hat schnell das Gefühl, dass man an seine Grenzen kommt".
Herbert Knaups Regiedebüt


Von einem "Sicherheitsnetz", das man knüpfen müsse, spricht Herbert Knaup, der zum ersten Mal als Regisseur arbeitet und eine umwerfende Detailbesessenheit an den Tag legt. "Klar, effektiv und präzise", so beschreibt Désirée Nosbusch die Arbeitsweise ihres Kollegen.
Dass diese Produktion ausgerechnet im kleinen Großherzogtum zustande gekommen ist, hat viel mit Nosbusch, dem Multitalent made in Luxemburg, zu tun. Theaterintendant Frank Feitler hatte dem einstigen Radio-Kinderstar angeboten, eine Produktion in Luxemburg zu machen, "wenn es ein Stück gibt, für das du brennst".
Jahrelang spukte Neil LaButes "Tag der Gnade" im Kopf der Wahlkalifornierin herum, das brillante Beziehungsdrama im Schatten des Anschlags auf das World Trade Center (siehe Extra). "Es brauchte schon einigen Mut, sich dazu zu entschließen", sagt sie rückblickend.
Inzwischen brennen offensichtlich alle drei Akteure für das Stück. Ein kleiner Zündfunke reicht, und es entsteht eine tiefgründige Diskussion über die Qualität von Beziehungen - trotz absolviertem Durchlauf, ausgiebigem Kritikgespräch und dräuender Abendprobe. Was die Protagonisten Abby und Ben in diesem Drama verhandeln, rührt sichtlich auch an die Privatsphäre der Menschen, die sie spielen.
"Eine klassische Adam-und-Eva-Geschichte", sagt Herbert Knaup augenzwinkernd. "Es geht um das Eingemachte einer Beziehung" - so würde Désirée Nosbusch ihren 16 und 13 Jahre alten Kindern den Inhalt des Stücks erklären. "Eine Geschichte über zwei, die im Moment einer Katastrophe merken, wie unterschiedlich sie eigentlich ticken" - so sieht es Roman Kni{zcaron}ka. "Der Ground Zero in uns, der Abgrund im Menschen" - Herbert Knaup bringt es auf den Punkt.
Es geht ans Eingemachte


Im Stück spielt Ben mit dem Gedanken, den Terroranschlag zu nutzen, um mit der Geliebten spurlos zu verschwinden, Frau und Kinder als vermeintlich Toter hinter sich zu lassen und ein völlig neues, scheinbar unbelastetes Leben zu beginnen.
Der befreiende Druck auf die Reset-Taste, ein menschlicher Mythos. Und, wie Herbert Knaup ehrlich zugibt, als Idee auch ihm nicht fremd. Aber letztlich sei das unehrlich, eben doch nur eine Flucht. "Du kannst nicht weg aus deiner Existenz, denn du nimmst deinen eigenen Kopf mit", sagt Désirée Nosbusch entschieden. Reichlich Denkstoff für die weitere Probenarbeit.
Vorstellungen am 10., 14., 16., 17. Januar im Kapuzinertheater. Es liegt an der Place du Théâtre mitten in der Altstadt, ein Parkhaus befindet sich direkt unter dem Platz. Zur Vorstellung am 17. Januar fährt ein Bus aus Trier (Anmeldung: 0651/96686432). Info: www.theatres.lu. Karten in den TV-Service-Centern Trier, Wittlich, Bitburg, über die Hotline 0651/7199-996 und online unter www.volksfreund.de/tickets
Extra

New York, 11. September 2001, das World Trade Center ist nach einem Terroranschlag eingestürzt. Der Angestellte Ben wäre unter den Toten, hätte er nicht im entscheidenden Moment ein Schäferstündchen mit seiner Chefin und Geliebten Abby in deren Luxusappartement verbracht. Die Katastrophe böte ihm die Option, spurlos zu verschwinden und ein neues Leben zu beginnen - ohne sich vor Frau und Kindern rechtfertigen zu müssen. Doch Abby will keine feige Flucht, sie besteht auf Ehrlichkeit - und so entwickelt sich die schonungslose Bilanz einer Beziehung, die auf Illusionen beruht. Der Amerikaner Neil LaBute ist einer der erfolgreichsten Gegenwartsautoren. Stücke wie "Bash" und "Das Maß der Dinge" beschäftigen sich mit aktuellen Gesellschaftsthemen. Seine Drehbücher fürs Kino wurden mit Stars wie Gwyneth Paltrow, Ben Stiller und Renée Zellweger verfilmt. DiL