Lebenswerk oder Überlebensfrage?

"Völlig überrascht" zeigte sich Jack Martin Händler von der Nachricht, dass die "Solistes Européens Luxembourg" seinen Vertrag als Chefdirigent nicht über 2009 hinaus verlängern (wir berichteten). Präsident Eugène Prim sieht darin eine notwendige Kurskorrektur.

 Jack Martin Händler. Foto: privat

Jack Martin Händler. Foto: privat

Luxemburg. (mö) "Wir müssen andere Wege gehen", sagte Präsident Eugène Prim und begründete damit die überraschende Trennung der "Solistes Européens Luxembourg" von ihrem Mitbegründer und ständigen Leiter Jack Martin Händler.

Zwei Tage nach einem erfolgreichen Brahms-Konzert hatte der Verwaltungsrat des Orchesters Händler mitgeteilt, dass man seinen Vertrag über 2009 hinaus nicht verlängern werde.

Die Nachricht habe ihn "aus heiterem Himmel" erreicht, sagte der Dirigent im Gespräch mit dem TV und bezeichnet die Arbeit mit den "Solistes" als sein "Lebenswerk". Händler, geboren 1947 in Bratislava, war als Geiger Schüler von David Oistrach und erwarb sich als Solist und Kammermusiker in ganz Europa Anerkennung, bevor er ins Dirigentenfach wechselte. 1989 gründete er die "Solistes Européens", für die er zahlreiche Konzertmeister aus Spitzenorchestern in Europa und Israel gewinnen konnte. Bis heute war er der einzige Dirigent der "Solistes". Was für Händler Lebenswerk ist, hat sich aus Sicht des Präsidenten allerdings längst zur "Überlebensfrage" entwickelt. Im neuen kulturellen Umfeld mit einem aktiven und deutlich leistungsstärkeren "Orchestre Philharmonique" und dem vielfältigen Angebot der Philharmonie müssten auch die "Solistes" andere Wege gehen und ihr Repertoire über den klassisch-romantischen Bereich hinaus erweitern. Prim: "Das war mit Jack Martin Händler nicht zu machen".

Zudem weigere sich Händler, Gastdirigenten zu akzeptieren. Schließlich befürchte der Verwaltungsrat auch einen schleichenden Qualitätsverlust. Man habe darum nach Gesprächen mit den Stimmführern des Orchesters beschlossen, sich von Händler zu trennen. Händler, der sich zurzeit in seiner Heimatstadt Bratislava aufhält, soll die Konzerte der "Solistes" bis September 2009 dirigieren. Ob er auch das Festkonzert zum 20-jährigen Bestehen leiten wird, ist noch ungeklärt.

Meinung

Veränderung tut not

Händler hat die Veränderungen in seinem Umfeld nicht ausreichend wahrgenommen. Es gilt: Dirigentische Qualität allein reicht auf lange Sicht für die Leitung eines Ensembles nicht aus. Jetzt stehen die "Solistes Européens" mit einem künstlerischen Konzept von 1989 in einem völlig veränderten Kulturleben und müssen mittelfristig um ihre Existenz fürchten. Die Administration des Orchesters ist um ihre Aufgabe nicht zu beneiden. Sie muss die künstlerische Neuorientierung vollziehen, dazu einen passenden neuen Chefdirigenten finden, die Musiker des Orchesters überzeugen und überdies dem Stammpublikum ein neues Konzept vermitteln. Trotzdem: Veränderung tut not. Sonst wird Jack Martin Händler zum bequemen Bauernopfer. Und das sollte diesem exzellenten Musiker wirklich niemand wünschen. m.moeller@volksfreund.de

Extra

Die "Solistes Européens Luxembourg" gründeten sich 1989. Das außergewöhnliche an diesem Klangkörper ist, dass in ihm viele Konzertmeister anderer renommierter europäischer Orchester mitspielen. Die Musiker kommen mehrmals im Jahr projektbezogen zusammen, machen eine Probenphase und geben anschließend einige Konzerte. Außerdem sind auch Mitglieder des "Israel Philharmonic" vertreten. Das Orchester ist in dieser Hinsicht ein Elite-Orchester mit besonderem Status. In der Saison 2005/2006 trat es unter anderem in Wien, Bratislava, Köln, Berlin und Aachen auf.