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Leichtfüßiger Tanz auf dem Globus

Leichtfüßiger Tanz auf dem Globus

DAUN. Ein ganz großer Name, eine Doppel-Premiere und selbstverständlich ein volles Haus: Die erste Veranstaltung des Eifel-Literatur-Festivals im Kreis Daun war zugleich der Höhepunkt der diesjährigen Reihe. Der große Mann der Auslandsberichterstattung im deutschen Journalismus, Peter-Scholl-Latour (82), lockte mit seinem profunden Wissen und seinem neuesten, erstmals erhältlichen Werk (über Russland) Gäste von nah und fern an.

Seit Wochen ausverkauft! Das dürfte die Formulierung gewesen sein, mit der Festival-Leiter Josef Zierden in jüngster Zeit vielen weiteren Interessierten des Vortrags von Peter Scholl-Latour aus dem gesamten Land und darüber hinaus hat absagen müssen. Er meinte: "Wir hätten locker doppelt so viele Karten verkaufen können." Auch wenn dies nur ein schwacher Trost sein dürfte: Diejenigen, die nicht zu den 537 Gästen gehörten, die ein Ticket und einen Platz im Forum in Daun ergattert hatten, haben sich dafür eine teilweise weite Anreise (so kam ein Pärchen eigens aus Berlin) und eine kaum zu bewältigende Herausforderung erspart. Denn Scholl-Latour verlangt nicht nur sich bei seinen Reisen durch die Krisengebiete in aller Welt viel ab, sondern auch seinen Zuhörern. Ausgehend vom Titel seines neuesten, noch druckfrischen Werks "Russland im Zangengriff - Putins Imperium zwischen Nato, China und Islam" und der zentralen These, dass das Großreich zwischen Minsk und Wladiwostok auf eine weltpolitische Krise zusteuert, kam er natürlich auch auf den Krieg im Irak und in Afghanistan ("Sie sind beide verloren") zu sprechen, kritisierte die wenig ruhmreiche Rolle der USA, beleuchtete den Nahost-Konflikt in vielen Facetten, informierte über die islamische Bewegung, sprach über die Auslandseinsätze der Bundeswehr, analysierte die Lage des "alten" und "neuen" Europa, streifte den Atomstreit mit Iran sowie das Kapitel Nordkorea und hüpfte auch gerne einmal zurück in die Geschichte - von Voltaire zu Katharina der Großen bis hin zu Nietzsche. Oder anders: Er kam bei seinen weltpolitisch-umfassenden Erzählungen gerne auch einmal vom Ästchen aufs Stöckchen. Dabei bemerkte er ganz beiläufig solche Dinge wie "Die orangene Revolution in der Ukraine wurde von amerikanischen Stiftungen initiiert und finanziert". Für sich alleine ein abendfüllendes Thema. Oder zumindest Wert, ein wenig mehr darüber zu erfahren oder nachzudenken. Und die Zuhörer? Die waren froh, ihm in dieser Schnelle einigermaßen folgen zu können und sich in geistigen Kraft- und Balanceakten auf die jeweils neue Situation einzustellen. Doch da hüpfte der 82-Jährige ähnlich einem Eichhörnchen bereits leichtfüßig weiter. Und zwar nicht zum rettenden Ausgangs-Ast (beziehungsweise -thema), sondern auf weitere Stöckchen: zu Stammesfürsten an der afghanisch-pakistanischen Grenze über Oligarchen in autonomen russischen Teilrepubliken bis hin zu Meerengen, Grenzflüssen und Gebirgsketten, mit denen kaum ein (selbst politisch interessierter) Mensch etwas auf die Schnelle anfangen kann. Wie hilfreich wäre es da gewesen, rasch in einem Weltalmanach oder einer aktuellen Tageszeitung nachblättern zu können, eine Landkarte zur Hand zu haben oder eine Internet-Suchmaschine zu Rate ziehen zu können. Ging aber nicht. Und so blieb die Stirn vieler Zuhörer die meiste Zeit über in Falten gelegt. Dabei wusste Scholl-Latour aber auch mit Ironie und Humor zu erheitern - als er beispielsweise davon erzählte, wie Präsident Bush sich von hinten Bundeskanzlerin Merkel näherte und ihr überraschend an die Schultern griff. "Für so einen Akt sexueller Belästigung hätte sich in Amerika jeder Firmenchef vor Gericht verantworten müssen." Und weiter. "Die damalige französische Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie hätte ihm dafür wahrscheinlich eine gescheuert, und bei Margret Thatcher hätte er das überhaupt erst nicht gewagt", sagte der Journalist, der wegen seiner düsteren (aber schon oft eingetretenen) Prognosen schon als "Vater der Unken" verunglimpfte wurde. Heute, so bekannte der 82-Jährige, sei sein zorniger Stil des Berichtens einer "grimmigen Heiterkeit" gewichen.