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Leiden in Schönheit: Passionskantate von Homilius

Leiden in Schönheit: Passionskantate von Homilius

Wer eine spektakuläre Entdeckung erwartet hat, ist mit der Passionskantate von Gottfried August Homilius in Triers Barockkirche St. Paulin enttäuscht worden. Aber bei Kantor Volker Krebs und seinem Ensemble war der aufklärerische Optimismus dieses Werks in besten Händen.

Trier. Zu harmlos? Leiter Volker Krebs, das Vokalensemble und Basilikaorchester St. Paulin und das Solistenensemble taten alles, um diesen Eindruck zu vermeiden. Sie nahmen die Passionskantate "Ein Lämmlein geht und trägt die Schuld" von Gottfried August Homilius auch in ihren heute unzeitigen Zügen ganz ernst.
Krebs hat ein Sensorium für diese Musik. Unter den Händen des Basilikakantors fließt sie ohne alles Verquere, Überladene, Künstliche. Und sie appelliert dabei an die empfindsame, mitleidende, schöne Seele der Zuhörer. Der exzellente Chor gibt den mehrstimmigen Sätzen unforcierte Fülle. Das flexible Orchester bleibt stets präsent, ohne die Solisten zu übertönen. Und mit der leuchtenden, vor allem in der Höhe offenen Tongebung von Sopranistin Antonia Lutz, Christine Wehlers kultiviertem Alt, dem textprägnanten Tenor Jud Perry und Vinzenz Haabs profundem Bass sind auch die Solopartien angemessen besetzt.
Die 1775 im Druck herausgegebene Kantate will die Menschen berühren und bewegen, nicht erschrecken. Homilius und sein Dichter Ernst August Buschmann verstehen die Passion vor allem als menschenfreundliches Erlösungswerk. Damit blenden sie das Erschreckende, Schmerzliche, Mörderische von Jesu Geißelung und Kreuzigung weitgehend aus. In ihrer Passionsmusik geschehen Leiden und Mitleiden in Schönheit. Sogar die dramatischen Rezitative bleiben frei von harten Dissonanzen. Da klingt die aufgeklärte Religiosität im Deutschland des späten 18. Jahrhunderts mit - die Welt von Klopstock und Herder. Durch das gesamte Werk zieht sich ein fast euphorischer Optimismus - exemplarisch in der letzten, verblüffend mozartnahen und mit "vergnügt" überschriebenen Sopranarie. Selten war das Christentum den Menschen so nah. Anhaltender Beifall.
Trotz aufwendiger Werbung kamen gerade mal 70 Zuhörer. Vielleicht ist die Aufbruchsstimmung dieser Kantate im depressiven 21. Jahrhundert nicht zeitgemäß. mö