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Liebe ist, wenn man trotzdem tanzt

Liebe ist, wenn man trotzdem tanzt

TRIER. Er läutet noch immer die Glocken. Als Musical ist Victor Hugos Glöckner von Notre Dame jetzt im Trierer Theater zu sehen.

Wer sie glaubt, wird selig - zumindest für einen Abend. Sie ist aber auch zu schön, die Geschichte von der feurigen Esmeralda und dem buckligen Glöckner, die sich beide gegen den priesterlichen Bösewicht Frollo wehren müssen. Geschieht dem lüsternen Fiesling, der hinter der begehrenswerten Zigeunerin her ist, nur recht, dass er am Ende vom Turm gestürzt wird. Auch sonst ist die Welt in Ordnung. Die Armen sind edel und gut, die Dichter so zart, dass es einen rührt, und die Kirche soll noch ein echter Zufluchtsort sein. Nicht zu vergessen die Liebe: Sie währet immerdar und scheut nicht Tod noch Teufel. Und überhaupt: Alle Menschen sind gleich und die so genannten Volksmassen ohnehin die besseren Bürger. Das ist der Stoff, aus dem Victor Hugo seinen Roman vom "Glöckner von Notre Dame" gemacht hat. Und es ist zudem der Stoff, aus dem die Träume von vollen Kassen sind. Weshalb Luc Plamondon (Text) und Richard Cocciante (Musik) auch nicht anstanden, das mittelalterliche Rührstück zu einem opulenten Musical zu verarbeiten. Denn: "Gegen drohende Theater-Pleiten helfen nur schmelzende Melodien und ausgeklügeltes Marketing", weiß Charles Talar. Und siehe da: Die Rechnung des französischen Produzenten von "Notre Dame de Paris" ging auf. Mehr als zwei Millionen Besucher haben das Musical allein in Frankreich in den ersten beiden Jahren gesehen. Jetzt hatte das Mix aus französischem Chanson und flotten Rhythmen auch in Trier Premiere. Aus der Vorlage der beiden italo- französischen Autoren hat Sergey B. Volobuyev ein "schaurig-schönes" Tanzspektakel mit einer eigener Choreographie erarbeitet, die Hugos Historienroman alle Ehre macht und einen endgültig darin bestärkt, den dicken Schinken nicht noch einmal zu lesen. Architektonisch im Lot hält die Trierer Inszenierung Wolfgang Clausnitzers ernste Notre-Dame- Kulisse. Die bunten Kostüme hingegen stammen von Carola Vol-lath. Im übrigen setzt Volubuyev auf Tempo. Das allein ist ein Verdienst und eine enorme tänzerische Leistung in der fast dreistündigen Inszenierung. Volobuyev liebt es heiß, farbenfroh und direkt. Seine große Stärke sind die Massenszenen. Da geht es rund. Ansonsten lodert das Feuer der Gefühle. Und Farbe wird auch kräftig aufgetragen. Denn schließlich ist das Ganze ja ein Stück historisches Disneyland. Ein Spielverderber, wer da fragt, ob soviel bildnerischer und mimischer Rausch nicht doch ein bisschen viel Kitsch auf einmal sei, etwa wenn das Kreuz so rot wie Blut den Sünder Frollo zu erschlagen droht. Das Volk von Paris (Damen und Herren des hauseigenen Balletts) wirkt in seinen Lumpen ausgesprochen malerisch, und klettern kann es auch noch. Gulnara Soatkulova flammt als bleiche Esmeralda im Scharlach-farbenen Kleid. Sie kann herrlich mit den Füßen zappeln, wenn der falsche Mann ihrer habhaft wird. Bogdan Khvoinitski ist als Glöckner Quasimodo nicht wirklich furchterregend, nur ein bisschen ungewaschen, aber dafür beeindruckend munter. Bisweilen winselt er allerdings ein wenig zu sehr um seinen Herrn Frollo herum. Der ist mit Alexander Sinelnikov der kraftvollste Tänzer dieser Aufführung. Den unheiligen Priester, den statt des göttlichen ein allzu irdisches Feuer verzehrt, kann Sinelnikov so richtig ausleben. Wie der Leibhaftige kommt er daher in seiner dunklen Kutte. Mal gibt gibt er den Verruchten, mal den Zerknirschten, der sich selbst zerfleischt und die blutigen Striemen auf seinem entblößten Rücken dem Publikum wie zum Beweis hinhält. Bleibt noch Gringoire, der Dichter von der Straße. Der ist mit Alexander Galitskii einer der sensibelsten Tänzer des Abends. Denis Burda als junger Hauptmann Phoebus tanzt ansehnlich genauso wie Natalia Grinyuk als seine Verlobte Fleur de Lys. Ein wenig abwechslungsreicher hätte man sich die Choreografie schon gewünscht. Ein paar tänzerische Einfälle mehr, etwas mehr ausgefeilter Charakter statt schauriger Marterszenen hätten aus dem Stück noch kein akademisches Lehrstück gemacht. Und Cocciantes Musik aus der Konserve: Da klangen Daniel Lavoie und Kollegen wie dereinst zu besten Chanson-Zeiten. Dem Publikum gefiel‘s - jedenfalls bedankte es sich herzlich. Die nächsten Aufführungen: 21. und 28. März, Karten: (0651) 718-1818.