Lieder zwischen Liebe und Sehnsucht

Lieder zwischen Liebe und Sehnsucht

Kein Wunder, dass Grönemeyer auf ihn aufmerksam wurde: Dem Meister in der Art des Vortrags nicht unähnlich, hat sich Label-Zögling Philip Poisel längst einen eigenen Platz in den Herzen der Fans und in den Charts erobert. Am Freitag spielt der Songwriter in der Europahalle.

Trier. Als Philipp Poisel Ende 2008 im Ducsaal im Freudenburg auftrat, schlug seine erste, auf Herbert Grönemeyers "Gröland"-Label erschienene Platte "Wo fängt Dein Himmel an?" gerade ein. Vielleicht nicht gerade wie eine Bombe, aber respektable Verkaufszahlen, umjubelte Festivalauftritte und ein überzeugtes Feuilleton katapultierten den damals 25-jährigen doch in eine Sphäre, aus der heraus ein Auftritt im nicht mal zur Hälfte gefüllten Ducsaal sicherlich erst mal wie ein kleiner Rücksturz wirken kann: Ein Überbleibsel aus der frühen Tourneeplanung, als man noch nicht wissen konnte, was mal für Zeiten kommen würden.
Sparsam instrumentiert


Andererseits ist Poisel auch nicht mal so eben von Null auf Hundert gestartet, sondern hatte durchaus bereits Zeit, den Begriff "Ochsentour" genauestens zu definieren: Nachdem der Plan, Realschullehrer für Englisch, Kunst und Musik an den mangelnden Notenkenntnissen gescheitert ist, zieht er nach dem Abitur erst mal eine Weile ganz klassisch durch Europa, mit der Akustischen im Gepäck. Er spielt in Clubs und auf der Straße - und ist froh, wenn er da nicht auch noch schlafen muss. Die vielen schönen und die auch nicht wenigen unschönen Dinge, die er auf diesem Trip erlebt, fließen in Songs, die Poisel als geborener Schwabe stets sparsam instrumentiert.
Das zweite Album "Bis nach Toulouse" trägt das Reisen sogar im Titel, und natürlich eignet es sich bestens für lange Fahrten mit dem Auto, oder, noch besser, mit dem Zug: Den Kopf an die vibrierende Scheibe gelehnt, die Sonne macht einen langsam rammdösig, gibt die erst verhalten gezupfte, dann im mittleren Tempo geschlagene Gitarre mit gedämpftem Schlagzeug und warmem Bass den idealen Soundtrack zu vorbeifliegenden Wäldern, Autos, Neubaugebieten.
Dazu singt Poisel mit verletzlicher, nuschelnder Stimme, die oft genug auch ganz schön weit weg scheint. Es geht, natürlich, zuerst um die Liebe und die Sehnsucht. Es geht um alles, von dem man weg möchte und alles, wohin man strebt: "Sage mir, wo bist du jetzt, sage mir, wie weit, wie weit..." Ab und zu perlt dazu ein Piano, wie das flüchtige Glitzern der Sonne, die neben einem durch den Fluss fliegt. Selbst wenn die Songs, selten genug, das Tempo mal anziehen, halten repetitive Strukturen die träumerische Stimmung aufrecht.
Und dann ist man plötzlich da - angekommen: Man reibt sich die Augen, steht auf und findet sich vielleicht auf der Bühne des Ducsaals wieder. Da sieht das Publikum zwar eher selten Künstler, die noch Babyspeck im Gesicht haben, doch es steht auf ehrliche, handgemachte Musik von authentischen Typen und darum hat sich Poisel dort bestens geschlagen. Dass er zudem reif genug war, um auch die Vergänglichkeit zu kennen, aber noch jung genug, um darüber nicht abgebrüht zu sein, hat das Publikum völlig aus seiner Hand fressen lassen.
Wenn Poisel am Freitag in Trier auftritt, wird die Stimmung natürlich zunächst nicht ganz so intim sein wie in dem dörflichen Blues-Club - einen guten Draht zum Publikum herzustellen, das dürfte in der Europahalle aber auch gelingen, besser jedenfalls als etwa in der eher sterilen Arena.
Als Support wird Tim Bendzko die Show eröffnen: Auch dieser junge Songwriter macht gerade mit reduziertem, allerdings eher soulig-jazzig angemachtem Liedgut auf sich aufmerksam und darf auch die aktuellen Konzerte von Joe Cocker eröffnen. Seine Plattenfirma fragt gar, ob er "der neue Poisel" sei, was nun wirklich ein Witz ist, da der richtige Poisel ja auch noch ziemlich unverbraucht ist. Jedenfalls dürften die beiden sich gut ergänzen und wer weiß: Vielleicht gehen sie ja mal zusammen auf Reisen.
Karten gibt es im Vorverkauf in den TV-Service-Centern in Trier, Bitburg und Wittlich.