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Machtkämpfe hinter den Theaterkulissen

Machtkämpfe hinter den Theaterkulissen

Die Turbulenzen um das Trierer Theater gehen weiter. Die Spannungen zwischen Intendant Karl Sibelius und dem von ihm nach Trier geholten Schauspielchef Ulf Frötzschner gipfeln in dessen Entlassung. Ein interner Brandbrief steht im Widerspruch zu öffentlichen Bekenntnissen von anderen Mitarbeitern.

Trier. "Ulf Frötzschner ist entlassen worden." Das ist alles, was Theater-Pressesprecher Dominik Huß am Mittwochmorgen auf Anfrage bestätigt. Am Abend zuvor hatte volksfreund.de exklusiv über eine "Hausmitteilung" von Theater-Generalintendant Karl Sibelius an seine Mitarbeiter berichtet: "Ulf Frötzschner ist mit Wirkung vom 31. Mai 2016 nicht mehr Mitglied des Hauses. Die Aufgaben des Schauspieldirektors werden bis auf Weiteres von mir übernommen."

Von Partnern zu Gegnern: Vor einem Jahr leitete Sibelius noch vor seinem Amtsantritt eine tiefgreifende personelle und inhaltliche Umstrukturierung des Theaters ein. Sein erster großer Neuzugang war ausgerechnet Ulf Frötzschner, Dramaturg am Theater in Luzern. Chef und Spartenleiter starteten mit großen Ambitionen unter den Slogans "Alles bleibt anders" und "Verrückt euch" in Trier. Doch zwischen den beiden Künstlern mit ihren eigenen Vorstellungen sollen sich im Lauf der Spielzeit Meinungsverschiedenheiten und Konflikte gehäuft haben.

Die Eskalation: Mitte Mai überraschte die Ankündigung des Theaterstücks "Die rote Wand" über den öffentlichen Umgang mit dem Todesfall Tanja Gräff. Frötzschner hatte Tanjas Mutter per Mail über die für 2017 geplante Inszenierung informiert und ihre ausbleibende Reaktion als Zustimmung gewertet.
Als Waltraud Gräff über ihren Anwalt protestierte und in sozialen Netzwerken ein sogenannter Shit storm tobte, blies Sibelius persönlich das Stück ab - nach eigener Aussage nicht aus juristischen, sondern aus menschlichen Gründen. Kulturdezernent Thomas Egger (SPD) kündigte an, mögliche personalrechtliche Konsequenzen für Frötzschner zu prüfen - was in die Entlassung mündete.
Der Brandbrief: Dem Trierischen Volksfreund liegt der Entwurf eines Briefs vor, den ein Teil des Schauspielensembles an diverse Adressaten wie Oberbürgermeister, Dezernent und Kulturausschuss richtet. "Der bereits Monate anhaltende Konflikt zwischen unserem Schauspieldirektor Ulf Frötzschner und dem Generalintendanten Karl M. Sibelius zehrt an den Kräften, welche wir eigentlich in die künstlerische Arbeit investieren wollen", heißt es darin. Die emotionalisierte Diskussion um das Stück "Die rote Wand" werde genutzt, um subjektiv motivierte personelle Konsequenzen einzuleiten. Eine vereinbarte Mediation (Vermittlung) zwischen Frötzschner und Sibelius werde durch Eggers Forderung nach Konsequenzen und die Androhung der Kündigung durch Sibelius torpediert, heißt es in dem Brief weiter. Es folgt eine Lobrede auf die fachlichen und menschlichen Qualitäten des Schauspieldirektors, die in der Aussage gipfelt: "Sein Fehlen würde sowohl unseren künstlerischen Arbeitsprozess als auch den Ensemblezusammenhalt erheblich gefährden. Wir wünschen uns, dass die Angriffe auf Ulf Frötzschner und unsere Sparte eingestellt werden." Andererseits berichten Ensemblemitglieder von "cholerischen Schrei-Anfällen" Frötzschners. Nach TV-Informationen hatte Sibelius ihm schon im Februar einen Auflösungsvertrag vorgelegt, den der Spartenchef ablehnte.

Die Reaktionen: Egger, Sibelius und Frötzschner haben sich alle einen (vorläufigen) Maulkorb verpasst. Im drohenden Rechtsstreit um die Entlassung will sich keiner als Erster aus der Deckung wagen und damit einen Angriffspunkt für die Gegenseite bieten.
Die Personalquerelen unter Sibelius begannen im Juli 2015: Im letzten Moment wurde statt wie geplant Julia Haebler aus Berlin der Trierer Marc-Bernhard Gleißner als Leiter der neuen Bürgertheater-Sparte 0.1 installiert. Sibelius' Stellvertreter Tobias Scharfenberger heuerte inzwischen beim Mosel Musikfestival an, Finanzexperte Dirk Eis bei der Stadtverwaltung. Generalmusikdirektor Victor Puhl lässt seinen Vertrag nach öffentlichem Dauerzwist um seine Funktion 2018 auslaufen.
Der im März fristlos entlassene Opernsänger Christian Sist hat Klage eingereicht und sagt: "Der Intendant hat sich an klare Vereinbarungen mit mir nicht gehalten." Im Theater Trier herrschten aus seiner Sicht Missmanagement und Chaos. Geklagt hat auch eine Frau, die als Marketingleiterin vorgesehen war. Eine Klage des gefeuerten Ulf Frötzschner gilt als wahrscheinlich.Meinung

Politik muss sich einschalten
Die Entlassung des Trierer Schauspielchefs reiht sich ein in eine Serie von Personalquerelen, Pannen wie "NeroHero" und Pleiten wie das Defizit von fast einer Million Euro. Jüngster Trend: Mehr oder weniger öffentliche Angriffe oder fast schon peinliche Lobeshymnen (welcher Chef hat so etwas nötig?) der Mitarbeiter. Für neu trale Beobachter ein verwirrendes Bild, das den Eindruck von Zerstrittenheit vermittelt. Es geht um die Kultur Triers und der Region! Karl Sibelius und seine Mitstreiter haben zweifellos viel frischen Wind in die Szene gebracht. Doch die unangenehmen Nebengeräusche übertönen zunehmend das Hauptprogramm. Den Anlass für die Entlassung Frötzschners - die Panne ums Stück "Die rote Wand" - hat Sibelius mitzuverantworten. Das Konzept mit einem Generalintendanten als künstlerischem und kaufmännischem Leiter (und Schauspieler) in Personalunion ist gescheitert. Es wird höchste Zeit, dass Kulturausschuss, Stadtrat, Dezernent und Oberbürgermeister eine aktivere Rolle übernehmen. m.hormes@volksfreund.deExtra

Auf der offiziellen Seite des Theaters Trier im sozialen Netzwerk Facebook überbieten sich die Sparten diese Woche mit Solidaritätsbekundungen für Karl Sibelius. So schreibt die Company Susanne Linke(Tanz): "Karl Sibelius bietet uns für die kreative Arbeit die notwendigen Gelingensbedingungen, die ein Haus dieser Größenordnung und mit dem gegebenen Haushalt überhaupt leisten kann. Wir sind über die nicht enden wollenden persönlichen Attacken, die gegen ihn gerichtet sind, tief betroffen und möchten Karl Sibelius unsere ganze Solidarität aussprechen." Die Ensembles Oper/Musical ziehen nach: "Karl Sibelius ist in der Lage, Schranken aufzuheben und so einen Dialog aller Abteilungen nach innen und außen zu ermöglichen. Die derzeitigen Anfeindungen und Attacken gegen die Person Karl Sibelius, die jedes Maß verloren haben, schockieren uns zutiefst. Wir sprechen hiermit Karl Sibelius unsere ganze Solidarität aus." Stellvertretend für die Bühnentechnik posten Paul Trappen, Andreas Wagner und Peter Müller: "Wir arbeiten in kollegialer und lösungsorientierter Art und Weise mit unserem Intendanten Dr. Karl Sibelius zusammen. Wir unterstützen ihn beim Streben, dem Theater ein neues Gesicht zu geben." cus