Magische Spannung, pure Energie

Trier · Rockmusikalische Energie und klassische Architektur, kompromisslose Härte und feingliedrige Brillanz: Beim "Classic Clash" der Villa Musica in der Trierer Tuchfabrik präsentierte das Klavierduo Anderson & Roe bekannte Stücke von Ravel bis Michael Jackson in bisher ungehörter Interpretation.

 Am Flügel zelebrieren Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe den Zusammenprall unterschiedlichster Musikstile. TV-Foto: Martin Möller

Am Flügel zelebrieren Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe den Zusammenprall unterschiedlichster Musikstile. TV-Foto: Martin Möller

Trier. Erstaunlich, was passiert, wenn jemand den Zusammenprall der musikalischen Kulturen ernsthaft praktiziert. Das Klavierduo Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe tut dies in Perfektion. Und gewinnt dabei aus dem Mit- und Gegeneinander der Stile ganz neue musikalische Erfahrungen.
Etwa bei Michael Jacksons "Billie Jean". Im Arrangement von Anderson & Roe mutiert der Song von einem Stück Massenkultur mit wummernden Bässen und feisten Rhythmen zu einem intelligent in sich kreiselnden, klingenden Perpetuum mobile, ein "Bolero" der Popmusik.
Eleganz und Härte


Oder "La Valse", Maurice Ravels "Poème choréographique": Anderson & Roe geben dem Wiener Walzerstil, den Ravel zu Beginn zitiert, Spannung und Eleganz mit, steigern sich dann zu einer rhythmischen und klanglichen Härte, die vielleicht von einigen Rockbands realisierbar ist, aber sicher nicht in Ravels eigener Orchesterfassung.
Da sitzen sie, mal gemeinsam an einem Flügel, mal gegenüber an zwei Instrumenten. Ob wirbelnde Passagen oder wuchtige Akkordblöcke, ob sacht klingende Kantilenen oder härteste, komplexeste Rhythmen - nichts scheint ihnen zu schwer zu sein. Sogar mit John Cages "präpariertem Piano" lassen sie sich ein, reißen die Saiten mit den Fingern an oder decken sie ab. Die Klänge daraus sind vielleicht etwas beliebiger als beim einstigen Avantgardisten, aber ähnlich wirkungsvoll.
Und dann, vor allem, diese kompromisslose Energie, diese Verbindung aus pianistischem Können und schierer Körperkraft! Anderson & Roe bauen eine Spannung auf, die den Zuhörer wie magisch hineinzieht. "Ich hatte das Gefühl zu platzen", sagt eine Besucherin und meint das ernsthaft und durchaus positiv. Dass der Klavierbauer in der Pause die Stimmung der Flügel korrigieren musste, spricht für sich. Da klingt die Ästhetik der Rockmusik mit - ihre unbedingte Körperlichkeit in Rhythmen und Klängen. Aber im "Classic Clash" steckt auch etwas von der Architektur klassischer Musik, ihren Entwicklungen, Steigerungen, Aufgipfelungen, Rückwendungen.
Konzept stößt an Grenzen


Auf die Dauer zeichneten sich bei Greg Anderson und Elizabeth Joy Roe allerdings auch Grenzen im künstlerischen Konzept ab. In der Präzision und Energie, in den hoch intelligenten Arrangements steckt auch ein Kern von Uniformität. Das Duo setzt die Musik regelmäßig unter Neonlicht. Für impressionistisches Helldunkel, romantische Pastellfarben oder meditatives Nachsinnen bleibt wenig Raum in dieser pianistischen Brillanz.
Die löste unter den rund 80 Besuchern im großen Saal der Tuchfabrik helle Begeisterung aus. Und als Anderson & Roe für eine Zugabe Bach oder Bernstein zur Wahl stellten, entschieden sie sich, natürlich, für Bernstein. Ob es für Bach überhaupt einen Platz im Programm gegeben hätte? mö

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