Manche mögen's leicht

Manche mögen's leicht

Strahlende Gesichter allenthalben: Nachdem die Bekanntgabe der Theaterbilanz in den vergangenen Jahren meist spät und nur auf Nachfrage erfolgte, haben Intendant und Kulturdezernent diesmal in Gala-Laune von sich aus zur Pressekonferenz geladen. Aus gutem Grund.

Trier. Von vorweihnachtlicher "Bescherung" war mehrfach die Rede, das Theater habe "teils supergut zugeschlagen", meinte Kulturdezernent Thomas Egger. "Wir haben einfach mehr gespielt", analysierte Intendant Gerhard Weber und führte die Entwicklung auch darauf zurück, "dass wir ohne Antikenfestspiele mehr Möglichkeiten haben". Das schlägt sich vor allem in der Zahl der Aufführungen nieder. 466 Mal ging der Vorhang hoch (letzte Saison: 374). Sowohl im eigenen Haus als auch in einem Dutzend weiterer Trierer Spielstätten wurden die Angebote ausgeweitet. Das Resultat: mehr als 118 000 Besucher (letzte Saison: 102 000). Das ist das beste Ergebnis seit der Spielzeit 2006/07, aber damals hatte das Theater getrickst und 20 000 Besucher des Merziger Opernzeltes dazu gezählt, weil das Trierer Theater sein Orchester dorthin ausgeliehen hatte. Auch diesmal sind Gastspiele mit eingerechnet, aber nur solche, bei denen eine komplette Trierer Eigenproduktion außer Haus gezeigt wurde. Intendant Weber sieht darin einen durchaus wachsenden Geschäftszweig. "Da schreiben wir schwarze Zahlen", versicherte er und verwies auf die Finanzierungsbeiträge für Ausstattung und Gäste, die aus Gastspielen entspringen. Entscheidend, so Weber, sei allerdings "das Kerngeschäft im eigenen Haus". Und da dürfte die letzte Spielzeit die zuschauerstärkste gewesen sein, seit Weber das Theater 2004 übernahm.Die Oper schwächelt immer noch

Bestimmte Trends setzen sich allerdings fort. So hat die Oper zwar zugelegt, aber nur genau so viel, wie der Wegfall der Operette gekostet hat. Das klassische Musiktheater, traditioneller Zuschauermotor in Trier, verharrt derzeit auf gutem künstlerischen, aber mäßigem Besucherzahlen-Niveau. Selbst bei Kassenknüllern wie "La Bohème" oder "Don Giovanni" bleibt fast ein Drittel der Plätze leer, der normalerweise beliebte "Barbier von Sevilla" wurde gar mit 44 Prozent Auslastung ein Debakel. Dabei war die Regie durchweg sozialverträglich. Und der für Trie rer Verhältnisse moderne "Peter Grimes" bewies mit 3000 Zuschauern immerhin, dass das Publikum durchaus ein Näschen für Qualität hat. Die Massen aber zieht das Musical. 25 000 Besucher wollten "The King and I", "My Fair Lady" und vor allem die gefeierte "West Side Story" in der Bobinet-Halle sehen. Und auch den Mangel an Experimentierfreude beim Schauspiel-Repertoire quittierte das Publikum mit deutlich steigenden Zahlen. Wobei freilich die durchaus unkonventionell inszenierten "Physiker" der eindeutige Favorit waren, wohingegen ein Klassiker wie "Hedda Gabler" oft vor leerem Saal gespielt wurde. Auch im Studio räumte die leichte Muse ab: Die E-Mail-Romanze "Gut gegen Nordwind" und der Boulevard-Knaller "Sonny Boys" reüssierten sensationell, das sperrige Afghanistan-Drama "Der kalte Kuss von warmem Bier" stürzte ab wie selten ein Stück zuvor. Kontinuität bei Victor Puhls Orchester: Sinfoniekonzerte und Weltmusik erfreuen sich, Luxemburger Philharmonie hin oder her, anhaltender Beliebtheit. Und das Tanztheater verkraftet auch eine Problem-Produktion wie "Dornröschen" ohne Absturz - auch wenn diesmal keine "Piaf" dabei war. Meinung

Das Publikum zum Risiko verführenEine gute Nachricht zur richtigen Zeit. Auch wenn es nicht in jeder Vorstellung so aussieht: Das Theater Trier hat weiterhin einen sehr ordentlichen Zuspruch, Tendenz wachsend. Und das auf der Basis ehrlicher, transparenter Zahlen. Dem Theater bekommt die Befreiung von den Antikenfestspielen gut - man sollte das nicht vergessen, wenn irgendwann über eine Wiederbelebung der römischen Stätten gesprochen wird. Der Publikumszulauf ist ein wichtiges Argument in der Strukturdebatte, die spätestens im Sommer mit der Vorlage des Gutachtens zur Zukunft des Theaters losgehen wird. Jeder Besucher mehr ist ein Pfund in der gnadenlosen Konkurrenz um die schrumpfenden städtischen Mittel. Und trotzdem: Das Theater muss weiter die Balance halten zwischen einem frischen, innovativen künstlerischen Anspruch und einem Publikumsgeschmack, der eindeutig mehr in Richtung Unterhaltung weist. Elitäre Abgehobenheit wäre dabei genau so fatal wie billiger Populismus. Das Publikum zum Risiko verführen - das ist die Kunst. Gerhard Weber und seine Truppe haben noch zweieinhalb spannende Jahre vor sich. d.lintz@volksfreund.deExtra

Besucherkönig: "Woche voller Samstage" mit 17 985. Ungeliebt: "Der kalte Kuss von warmem Bier", 6 Aufführungen, 142 Besucher. Ausgelastet: Bei "West Side Story" waren 97 Prozent aller Plätze belegt. Überraschung: Dürrenmatts "Physiker" schlugen mit 8175 Besuchern Til Schweigers "Keinohrhasen" (5745). Marathon: Zu 34 Vorstellungen mussten die Schauspieler bei "Gut gegen Nordwind" antreten. Intensiv: Beinhartes Stück, und trotzdem 18 Aufführungen: "Bartsch, Kindermörder" im Landgericht. Auswärtsspiel: 6350 Zuschauer bei Evita, Sommernachtstraum, Chagall, Physiker in Monschau, Losheim, Esch und China. DiL

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