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Manchmal ein Zipfel der Wahrheit

Manchmal ein Zipfel der Wahrheit

TRIER. Seit 1995 versammelt der Wettbewerb "Rückblende" die interessantesten politischen Fotos und Karikaturen des Jahres. Zum ersten Mal gastiert die zugehörige Ausstellung nach Berlin, Brüssel, Hamburg und Leipzig auch in Trier.

So viel Prominenz ist selten bei einer Ausstellungseröffnung in Trier. Behördenvorsteher und Landtagsabgeordnete, Uni-Präsidenten und Stadtwerke-Chefs, Landräte und Bürgermeister, Staatssekretäre, Bischofs-Abgesandte, Direktoren und Dezernenten tummeln sich im Rokoko-Saal des Kurfürstlichen Palais - immer auf der Suche nach einem Luftzug, der die Schwüle mindert. ADD-Präsident Josef Peter Mertes braucht drei Anläufe, bis er alle Hochmögenden namentlich begrüßt hat. Dazwischen ein paar versprengte Normal-Bürger wie die Konzer Jacqueline und Günther Kolz, die die Vorjahresausstellung in Bonn gesehen haben und "einfach aus Interesse" die Fortsetzung nicht verpassen wollen. Wohl dem, der wie Karl-Heinz Klär bei den herrschenden tropischen Temperaturen trotz hohen Amtes zu legerer Kleiderordnung neigt. Der Bevollmächtigte des Landes Rheinland-Pfalz in Berlin und Brüssel ist Initiator des Wettbewerbs "Rückblende" und damit auch der zu eröffnenden Ausstellung. 2005 sei ein hartes Jahr für Fotografen und Karikaturisten gewesen, diagnostiziert das Mitglied der Landesregierung, schließlich hätten sich die Ereignisse "pausenlos überstürzt". J. Friedrich Orths, Geschäftsführer des Kooperationspartners Trierischer Volksfreund, wertet die Fotos und Zeichnungen als Werbung für Zeitungsjournalismus, handele es sich dabei doch "nicht um bewegte, aber um bewegende Bilder", die dem Betrachter anders als Fernsehen "die Chance auf den zweiten Blick" böten.Großer Auflauf lokaler Polit-Prominenz

Für das Gros der Gäste steht freilich zunächst einmal der erste Blick auf die rund 70 Fotos und 50 Karikaturen an, die sich in den engen Gängen der ADD drängen. Moment-Aufnahmen aus der deutschen Innenpolitik, jede Menge Schröders, Merkels, Stoibers, Fischers. Man muss sich durch etliche professionelle, aber nicht übermäßig inspirierte Bilder aus dem Tagesgeschäft kämpfen, die sich in der Zeitung oder dem Magazin fraglos gut machen, aber nicht unmittelbar erklären, warum man sie in einer großen Ausstellung zeigen muss. Aber wer genau hinsieht, findet Momente der Wahrheit, Blicke hinter die Kulissen, Gucklöcher durch den dichten Vorhang, hinter dem sich das Spektakel Politik abspielt. Angela Merkel etwa, in erstarrter Pose vor Parteifreunden, die Einheits-Plakate hochhalten und mit Deutschland-Fahnen wedeln, eingerahmt von Spitzen-Landespolitikern als Statisterie - so künstlich, als wär's eine Szenerie von Christoph Schlingensief in der Berliner Volksbühne. Inszenierte Wirklichkeit allüberall: Gerhard Schröder charmiert Condoleeza Rice oder singt mit Bergmännern, Oskar Lafontaine ballt die Faust, Joschka Fischer spricht in Evita-Musical-Pose von einem Balkon. Durchschnitts-Fotos bilden die Polit-Show nur ab, die hochklassigen lassen sie auffliegen. Da sinkt eine erschöpfte Claudia Roth vor dem Parteitagspräsidium zusammen, da liefert eine geknickte Andrea Nahles ihre Demutsgeste beim soeben demontierten Franz Müntefering ab, da entgleisen dem Weltpolitiker Fischer die Gesichtszüge beim langweiligen Folklore-Wahlkampf in der Provinz. Daneben gibt es ein paar wunderbare Schnappschüsse, bei denen dem Fotografen das Glück des Tüchtigen zugute kommt: Angela Merkel beim CDU-Parteitag mit erhobenem Daumen, während im gleichen Moment das "r" aus dem Schriftzug "Arbeit" aus der Dekoration zu Boden fällt. Oder Außenminister Steinmeier, der buchstäblich im Schatten seines Vorgängers steht. Oder die berühmte Aufnahme des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Carstensen, aus dem nach dem Wahl-Debakel seiner Konkurrentin ein Lachen hervorbricht, während die demontierte Heide Simonis im Hintergrund Mühe hat, ihre Niederlage zu begreifen. Gegenüber der geballten Kraft der Bilder haben es die Karikaturen schwer. Man hat das Gefühl, dass diese Kunstform hier zu lande schon treffender, weniger klischeehaft und origineller war als dieser Tage. Eine Erklärung liefert Ausstellungs-Initiator Klär: Wo die Wirklichkeit als solche bereits maßlos übertreibe, werde übertreibende Deutung schnell witzlos. "Rückblende" bis 25. August im Kurfürstlichen Palais, Willy-Brandt-Platz. Mo bis Do 8 bis 16 Uhr, Fr 8 bis 13 Uhr. Eintritt frei.