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Manuskripte, die Geschichte schreiben und schrieben

UNTERM STRICH – DIE KULTURWOCHE : Über Dillon (8 Jahre alt) und Antoine (de Saint-Exupéry): Manuskripte, die Geschichte schreiben und schrieben

Eine tolle Geschichte geschrieben? Aber wie unter die Leserschaft bringen? Ein Nachwuchsschriftsteller hatte eine ungewöhnliche, oder sagen wir, freche Idee. Den Erfolg seines Tuns hat sich der 8-Jährige aber wohl nicht vorgestellt. Mehr in unserer heutigen Kolumne aus der Welt der Literatur.

Wer ein Buch nicht nur verfassen, sondern auch veröffentlicht sehen möchte, kann ein Klagelied davon singen: „Mit großem Interesse …. Manuskript dankend zurück … wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg ...“ sind so Standardfloskeln, die dem Papierstapel des hoffnungsvollen Schriftsteller oder der ebensolchen Lyrikerin bei der Rücksendung beiliegen.

Einen ebenso originellen wie naheliegenden Weg hat nun ein Amerikaner gefunden, sein Erstlingswerk an die Öffentlichkeit zu bringen: Dillon Helbig aus Boise im US-Staat Idaho hat sein Buch einfach zwischen die Werke geschoben, die in der „Ada Community Library“ auf ihr Publikum warten. Bemerkenswerter als dieser Akt ist die Tatsache, dass der Autor gerade einmal acht Jahre alt ist, die 81 Seiten nicht nur selbst geschrieben, sondern auch mit Zeichnungen versehen und sein Werk, das – altersmäßig bedingt – orthographisch noch Luft nach oben hat, „The Adventures of Dillon Helbig‘s Crismis“ genannt, zu deutsch in etwa: „Dillon Helbigs Weinachsabenteuer“.

Weihnachtsgeschichte von Dillon Helbig ständig ausgeliehen

Er erzählt darin, wie er einen Stern an den Tannenbaum hängt, der unversehens explodiert und ihn an den Nordpol katapultiert. Und damit auch keine Zweifel an der Urheberschaft aufkommen konnten, fügte er sicherheitshalber hinzu „Von Dillon selbst“. Ein paar Tage später beichtete er seiner Mutter die kühne Tat, und als die beiden zur Bibliothek fuhren, um das Buch zurückzuholen, war dort, wo Dillon es verbotenerweise hineingeschoben hatte, eine Lücke.

Mutter Susan bat den Bibliotheksleiter Alex Hartman um die Rückgabe, was sich jedoch als schwierig erwies. Mr. Hartman hatte, nachdem er das Buch seinem sechsjährigen Sohn vorgelesen hatte, der sich nicht mehr einkriegte vor Lachen, beschlossen, es in den Bestand aufzunehmen. Seitdem war es ständig ausgeliehen. Inzwischen standen sogar bereits weitere 55 Interessenten auf der Ausleih-Liste. Deshalb bat der Bibliothekschef Mrs. Dillon offiziell um Erlaubnis, das Buch, versehen mit einer Katalognummer, der Leihbibliothek eingliedern zu dürfen. Und nun steht es also, wenn es nicht gerade unterwegs ist, in der „Graphic-Novel“-Abteilung für Kinder und Jugendliche. „Das war zwar ziemlich frech, aber cool“, meint der Autor selbst zu seinem Husarenstück, über das unter anderem die „New York Times“, die „Washington Post“, „USA today“ und „The Guardian“ berichteten – und nun eben auch der „Trierische Volksfreund“.

Ein Honorar hat der Schöpfer zwar nicht erhalten, dafür aber den eigens für ihn geschaffenen „Whoodini Award for Best Young Novelist“, ein Preis, der nach dem Maskottchen der Bücherei, einer Eule, benannt ist. Inzwischen denkt Dillon Helbig über eine E-Book-Version seines Erstlings nach, damit der in mehr als einer einzigen Fassung der Nachwelt erhalten bleibt.

 Der französische Autor Antoine de Saint-Exupery, aufgenommen vor seinem Flugzeug (undatiertes Archivfoto). 
Der französische Autor Antoine de Saint-Exupery, aufgenommen vor seinem Flugzeug (undatiertes Archivfoto).  Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb/Stf

Der kleine Prinz: Manuskript erstmals in Europa zu bestaunen

Dillons Kollege Antoine de Saint-Exupéry hatte diese Probleme nicht mit seinem Manuskript „Der kleine Prinz“, das er 1942 schrieb. Das Buch wurde erstmals am 6. April 1943 in New York veröffentlicht, drei Jahre später in Frankreich. Mit über 200 Millionen verkauften Exemplaren ist es das bekannteste, meist übersetzte und meist gelesene Werk der französischen Literatur.

Nun wird das in New York aufbewahrte Manuskript erstmals in Europa in der Ausstellung „A la rencontre du Petit Prince“ (Begegnung mit dem Kleinen Prinzen) in Paris zu sehen sein – zusammen mit 600 Exponaten, darunter Aquarelle, Skizzen, Zeichnungen und Fotografien. Von den 141 Seiten werden 35 präsentiert.

Die Werkschau findet im Museum für dekorative Künste (Musée des Arts Décoratifs) vom 17. Februar bis 26. Juni statt. Das Manuskript sei der „größte Schatz“ der New Yorker „Morgan Library & Museum“, wie deren Leiter Colin B. Bailey dem Radiosender France Info versicherte.